Gastbeitrag: Auf klassischen Ducatis durch die Schweiz

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oder: Einmal Ringelpiez ins Evergrin, mit allem!

Tradition verpflichtet, deswegen verlangt eine gelungene Motorradsaison immer nach einem Besuch des Schweizer Pässekarussells. 2024 begleitete ich die liebe steph mit meinem Road King, in diesem Jahr wählte ich für den Wochenend-Trip meine Ducati. Hier sind stephs Erinnerungen – und meine Gedanken dazu.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Es gibt so Tage, da wünsch ich mich weit weg, auf meinen Asteroiden B612. Ich denk an den Helden meiner Kindheit, den Alpöhi, und versteh ihn soo gut, dass er lieber oben in den Bergen bleibt, weil er dort seine Ruhe von den Menschen hat. Aber es gibt glücklicherweise auch gute Freunde und da braucht’s nicht viel mehr Worte als wir sollten wieder auf Tour gehen!‘
Sowieso, wenn sich genau zum richtigen Zeitpunkt ein geniales, spätsommerliches Wetterfenster auftut.

JvS
Mir ist der Kaffee ausgegangen – kannst Du mir bitte vom Dinzler ein paar Bohnen mitbringen?

Das geht ja mal gar nicht. Also hüpf ich am Donnerstag schnell zum Dinzler. Manche tragen Eulen nach Athen, ich mach stattdessen den DinzlerEspressoLieferando ins Vinschgau. Und am Freitag starte ich bei Kaiserwetter auf altbewährten Bollerpfaden, denn lieb gewordene Traditionen wollen gepflegt sein. Mein Weg führt über den Kaunergrat mit dem Gachen Blick zum Ossarium am Reschenpass. Dort verweile ich immer gerne und genieße den Blick auf den majestätischen Ortler.

Vor lauter Sehnsucht nach den hohen Gipfeln biege ich dann, ohne groß nachzudenken, vom direkten Weg ins Vinschgau in die Schweiz zum Umbrail ab. Selbstverständlich geht sofort eine Benachrichtigung von der DinzlerEspressoLieferando-Paketverfolgungsstelle raus:

Sehr geehrter Herr JvS,
die Paketbotin ist leider falsch abgebogen und hat sich verfahren und meint, sie wäre jetzt irgendwo in Tibet und müsse sich jetzt erstmal stärken. Sie hat mir jedoch glaubhaft versichert, Ihre bestellte Lieferung pünktlich um 18.00 Uhr zu überreichen.


Mit bereits wieder verflogenem schlechten Gewissen
CEO von DinzlerEspressoLieferando

Ich lass mir den Apfelstrudel schmecken und stromer um die Tibethütte. Einer der Felsen lädt mich zum Verweilen ein und so lass ich mich dort nieder, genieße das Panorama, schwelge in Erinnerungen und bin dankbar für all die wundervollen Momente, die ich hier oben schon genießen durfte.

Meinen Termin für die Lieferung im Blick, mach ich mich entspannt auf den Weg nach unten, zumindest bis zur Kehre 8. Ich bin schon am Scheitelpunkt, also eigentlich auch von unten gut zu sehen, als ein entgegenkommender SUV die Rechtskehre dennoch ganz links anfährt. Ein dreifach Hoch auf meine Trialzeit, ich kann die Notbremsung gut abfangen. Ein paar Kehren weiter hab ich die Begegnung schon fast wieder abgeschüttelt, da laufe ich auf den Linienbus auf und stelle mir schmunzelnd die wohl kurz zuvor erfolgte Begegnung der beiden Boliden vor. Da wär ich gerne Mäuschen gewesen.

Es ist faszinierend zu beobachten, mit welcher Geschicklichkeit der Linienbus durch die Kehren zirkelt. Ich halte gebührenden Sicherheitsabstand und entspanne mich dabei völlig, denn er schützt mich vor jeglicher unliebsamen Begegnung. Busfahren in den 48 Kehren will definitiv gelernt sein und die Idee, auch einmal so aufs Joch zu fahren, beginnt sich in meinem Kopf einzunisten. 

Die Dinzler Lieferung erfolgt pünktlich, der geniale Tag findet einen schönen Abschluss im Kreise wunderbarer Menschen mit lecker Riesenpizzen. Morgen darf Gracia direkt hinter der Parmesanfeile das Joch und jede Menge Schweizer Sahnehäubchen erobern.

JvS
Mein Vorschlag:

Laas – Stelvio – Umbrail – Ofen – Zernez – Sankt Moritz – Maloja – Chiavenna – Splügen – Via Mala – Rheinschlucht – Disentis – Oberalp – Susten – Evergrin

Ducati-Bollern 2025: Die Route des ersten Tages

Nach Westen und zurück

Abfahrt ist um kurz vor neun, nach einem leckeren Frühstück. Die Parmesanfeile braucht noch Sprit, ich bin ganz froh um den Aufschub, so bleibt Zeit, mich abzulenken und an der Tanke den vermeintlichen Ferrari aus der Ferne zu bewundern. Es ist zwar eine Corvette, aber in jedem Fall formschön.

Dann geht es hoch aufs Joch. Ich bin aufgeregt – hinter JvS, der hier jeden Kieselstein mit Vornamen kennt. Aber mein Puls beruhigt sich schnell, denn Jürgen zügelt sich und ich kann gut dranbleiben. Es läuft schön flüssig, auch bei den Rechtskehren. Die Blickführung funktioniert und das Stilfser Joch fängt tatsächlich an, mir Spaß zu machen.

Erst fast ganz oben, ich glaub wieder irgendwo um die Kehre 8 rum, rast keine Handbreit neben mir ein verkappter Rennfahrer auf seinem Motorrad vorbei. Ich fall vor Schreck fast vom Moped und mein Schweinehund erwacht wieder aus seinem Dornröschenschlaf. Ich hatte seine kreischende Stimme schon fast vergessen: Waaaaaaaa.. wir werden sterben, in den Abgrund stürzen oder als SUV-Kühlerfigur enden!

JvS
DICH Spinner hab ich schon kommen sehen. Und kaum bleibt eine 748 am Heck Deiner GS kleben, verhaust Du eine Kehre nach der nächsten. Das nennt man Karma, Kollege!

Prompt verpatze ich die nächste Kehre, mein Blick geht immer wieder in den Rückspiegel – die Gefahr lauert nicht nur von vorne, raunt mir der Schweinehund ins Ohr – und kurz danach kommt tatsächlich noch einer angeprescht. Ich winke ihn vorbei, verdreh meinen Rückspiegel und konzentriere mich wieder auf meine Blickführung. Geht doch! Dem Schweinehund drück ich oben am Joch ’nen 10 € Schein in die Hand und schick ihn zur Würstelbude, er setzt sich mit seiner Bratwurst auf die Mauer und bevor er es checken kann, verziehen wir uns flugs den Umbrail runter gen Schweiz.

Der Ofenpass ist mit den Ducatis ein echtes Träumchen .. huiii .. uiii .. uiii .. Gracia und die Parmesanfeile kommen voll in den Flow, denn es ist trotz des Kaiserwetters kaum etwas los in diesem genialen Kurvengeschlängel. In Zernez biegen wir nach Sankt Moritz ab – prima, was Neues, denn ich kenn bislang nur den Weg durchs wilde Unterengadin.

Das Oberengadin erscheint mir offener und lieblicher, die Schönheit dieser Landschaft steigert sich gefühlt mit jedem Meter. Wir fahren durch ein Märklin-Modelleisenbahn-Wunderland. Mit meinem Bruder hab ich jahrelang seine Modelleisenbahn über drei Ebenen ausgebaut und gestaltet und irgendwie muss ihm damals das Oberengadin Modell gestanden haben. Ich fühle mich wie auf Ameisengröße geschrumpft – und darf jetzt da mitten durch fahren.

JvS
Ein besonderer Landstrich. Wir hätten eigentlich über das Kopfsteinpflaster der Ortschaften am Inn-Ufer rollen sollen, das ist beeindruckend. Machen wir beim nächsten Mal …

MotorProsa Blog Post Ducati Bollern 2025 1 1

Unterwegs auf Engadiner Kopfsteinpflaster

Ein See reiht sich an den anderen, jeder funkelt und strahlt wie ein Smaragd, Türkis oder irgendwas dazwischen. Was bitte kippen die Schweizer in ihre Flüsse und Seen? Denn diese Farben sind doch nicht wirklich von dieser Welt. Einzig von Sankt Moritz bin ich etwas enttäuscht, das hatte ich mir anders vorgestellt. Die meisten dieser riesigen Bauten finde ich ziemlich häßlich. Da gefallen mir die Engadiner Bauernhäuser mit ihren Sgraffito-Fassaden um Welten besser. Bevor nun meine Synapsen vor lauter Eindrücken heißlaufen, hat mein Guide ein Erbarmen – wir steuern am Maloja ein nettes Hotel an und es gibt lecker Cappucino auf der Terrasse.

Durch das Val Bregaglia geht‘s auf einen Schlenker wieder nach Bella Italia. Jürgen hat mir bei Bündner Nusstorte zum Cappuccino erzählt, dass sich den Maloja runter das italienische Flair mit jedem Meter wieder mehr zeigt – ich hab tatsächlich bald den Eindruck, schon nicht mehr in der Schweiz zu sein. Auch seine Erzählung von Soglio geistert mir im Kopf rum, mir fallen die wunderschönen mit dunklem Schiefer gedeckten Häuser auf und ich lese was von ‚festa della castagna‘.

Ganz klar, da muss ich mal für länger hin, zum intensiveren Erkunden.

MotorProsa-Blog: Blick auf das Serpentinenwunder des Malojapasses

Der Malojapass – ein Serpentinenwunder

Wahrscheinlich bin ich mit meinen Gedanken beim Hinweisschild nach Soglio rechts den Berg hoch abgebogen und hatte schon die grandiose Aussicht vor meinem geistigen Auge, als ich mit Gracia kurz hinter der Grenze fast die Parmesanfeile von hinten niedergestreckt hätte. Ich hab ihn im Kreisverkehr schlichtweg übersehen, den jugendlichen schwarzen Motorradritter auf seinem schwarzen Ross. Aber es ist nochmal alles gut gegangen – das ABS funzt und ich kann‘s noch, das Ausweichen!

JvS
Das war in der Tat etwas knapp. Der Kollege im Kreisverkehr war aber auch etwas unentschlossen …

Der Splügen. Soviel Schönes hab ich von ihm schon gehört und jetzt darf ich ihn endlich mal selber erfahren. Er ist wahrhaft ein echtes Schmankerl, doch ich muss euch an dieser Stelle an JvS‘ Passporträt in der MOTORRAD, Nr. 21/2025 verweisen, denn ich war so hin und hergerissen zwischen dem Fahren durch die irrwitzigen Tunnelkehren, dem Genuss der herrlichen Kurven und dem Bewundern der Landschaft, da ist allenfalls ein Hauch von Erinnerung geblieben – da muss ich definitiv noch öfters hin!

JvS
Der Splügen ist ein Gigant. Es ist schwierig, ihn schon bei der ersten Fahrt zu fassen. Über 50 Serpentinen und eine nicht enden wollende Südrampe – der flasht mich immer wieder.

MotorProsa-Blog: Der Splügen – Nichts für schwache Nerven

Der Splügen – eigentlich nichts für schwache Nerven

Ein anderer Sehnsuchtsort, dem ich heute ebenfalls etwas näher kommen darf, ist die Via Mala. Jürgen erzählt mir dort auch noch sehr eindrücklich von seinem Abenteuer mit Petra unten in der Schlucht und so hinterlässt auch dieser kurze Stopp den glühenden Wunsch nach mehr. Und da wir heute eh schon viele mir unbekannte Strecken gefahren sind, nehmen wir statt der Rheinschlucht die H19 über Flims nach Disentis. Ich hab sie unverdienterweise stets gemieden, bietet sie doch wundervolle Aussichten und mir eine Erkenntnis, die uns auf dem Heimweg noch ein kleines Abenteuer und eine weitere lieb gewonnene Tradition bescheren wird.

Auch am Leuchtturm auf dem Oberalppass wartet schon die Lecker-Kuchen-im-Café-gegenüber-Tradition auf uns. Wir schaffen es gerade noch kurz vor dem Feierabend, die nette Bedienung hat ein Einsehen mit uns und wir genießen ihn daher umso mehr, den Zwetschgendatschi auf Schweizer Art.

MotorProsa-Blog: Na steph – wo soll's hingehen?

Na steph – wo soll’s hingehen?

JvS
Der Oberalp, das Tor zur Innerschweiz – und offenbar auch zur Welt. Er hat eine besondere Anziehungskraft, ab hier beginnt das Motorrad-Traumland für mich.

Zum Abschluss folgt ein ersehnter Höhepunkt – der Susten im Abendlicht! Hinauf durch das wildromantische Meiental steigt mit jeder Kurve aber auch die Vorfreude aufs Evergrin und ich muss mich immer wieder ins Jetzt zurückholen, um diese Schönheit um mich herum gebührend zu würdigen. Wer ihn kennt, meinen *terra magica*-Reisebericht vom letzten Jahr, weiß, dass da an der Westrampe des Susten noch was offen ist:

Als wir auf eine kurze Galerie zufahren, läuft meine interne Festplatte heiß, denn über die Galerie schießt ein mächtiger Wasserfall in die Tiefe. Es gibt zwar kein Foto davon, aber das Bild hat sich tief bei mir eingeprägt.

Wir liegen gut in der Zeit, also gibt es eine ausgiebige Fotosession im Abendlicht. Zunächst mit Blick auf den gigantischen Steingletscher, dann an ‚meinem‘ Wasserfall – Grazie mille, lieber Jürgen, für die Hammerbilders!

JvS
Das Abendlicht, ganz für uns allein …

MotorProsa-Blog: steph vor dem Wasserfall am Susten

Als krönenden Abschluss des Tages haben wir die fahrerisch und landschaftlich erstklassige Westrampe des Susten für uns alleine. Dann sind wir am Abzweig zum Evergrin und mein Herz hüpft vor Freude. Wir stellen die Ducatis in den Schupf, holen tief Luft und saugen das besondere Flair dieses Ortes in uns auf.

In der Werkstatt treffen wir Nino, der uns herzlich begrüßt und uns erstmal ein Stiefelbier spendiert. Isa und Chrigu sind noch unterwegs, aber in der Küche liegt ein Brief von Isa mit allen wichtigen Dingen, die es zu wissen gilt – und als sie dann eintreffen, fühlt es sich an, als wären wir erst vor ein paar Tagen zuletzt da gewesen.

Herzlicher kann ein Empfang kaum sein.

La vita può essere
così bella e semplice

Wir erobern unsere kuscheligen Zimmer in dem zauberhaften Haus; bei meiner niedrigen Zimmertüre muss sogar ich mich bücken. Wir ziehen uns um und machen es uns auf dem Sofa im Schupf bequem, genießen die Stille, erzählen Geschichten, lachen zusammen und sind einfach nur dankbar für diesen herrlichen Motorradtag und seine unzähligen zauberhaften Momente.

Da wir morgen wieder an die 400 Kilometer angepeilt haben, wollen wir früh aufbrechen. Isa, Grigu und Nino sitzen noch in der gemütlichen Küche, als wir ins Haus kommen. Es entwickelt sich ein Gespräch wie mit Freunden, die man schon Jahre kennt. Es fasziniert mich stets aufs Neue, wie offen und herzlich die Menschen an diesem Ort sind.

Wir reden über die Schweiz, über Gott und die Welt, lachen herzhaft über meine Starlink-Zahnputz-Geschichte vom letzten Jahr, wenn einer was erzählt, hören die anderen interessiert zu, keiner meint sich profilieren zu müssen, es ist eine liebevoll entspannte Atmosphäre.

MotorProsa-Blog: Speziell, und genau deswegen so besonders: Das Evergrin

Speziell, und genau deswegen so besonders: Das Evergrin

Eigentlich ist das doch alles ganz selbstverständlich, so war es doch früher fast immer in meinem Freundeskreis, aber in der heutigen Zeit kommt mir so ein wertschätzender Umgang miteinander wie eine seltene und umso kostbarere Insel vor.

JvS
Ich schlage folgende Route vor:

Evergrin – Grimsel – Nufenen – Airolo – Tremola – Gotthard – Andermatt – Oberalp – Disentis – Thusis – Tiefencastel – Albula – Zernez – Martina – Vinschgau / Strad

Der Abschied vom Evergrin fällt auch diesmal schwer. Es ist zwar schon hell, aber alles schläft noch. Wir schleichen uns aus dem Haus – nur die Katze war draußen schon erfolgreich jagen und knurpselt gerade eine Maus. Wir wollen unser Frühstück lieber oben auf der Grimselhöhe genießen. Über dem Evergrin ist der Himmel bewölkt, aber die Sonne lugt an einigen Stellen schon durch. Der Wetterfrosch hat für heute zwar kühler, aber noch trocken vorhergesagt, so sind auch wir zuversichtlich. Ich hab mich vorsorglich in meinen kuschelig-warmen Rentierpelz gehüllt.

Die Abfahrt erfolgt, wie geplant, um 8.00 Uhr – voller Vorfreude auf die heutigen Highlights genießen wir die Kurven das Aaretal hoch. Der Himmel über der Grimsel verheißt jedoch nichts Gutes, denn es zeigen sich nur äußerst wenig Wolkenlöcher für die Sonne. Gut, dass wir uns nicht aufraffen konnten, zum Sonnenaufgang schon oben zu sein. Und dann, kurz hinter Guttannen – wie jetzt? Es tröpfelt. Egal, denn es ist eine irre Stimmung.

Die Grimsel hat nicht nur eine sehr lange und reiche Geschichte, sondern selbst – oder sogar gerade – bei schlechtem Wetter etwas absolut Magisches durch ihre Vielzahl an Farben, ganz besonders jetzt im Herbst mit den unzähligen Grün- und Brauntönen der Pflanzen. Sie hat sich diesmal den ersten Platz in meinem Herzen in der Riege der Schweizer Pässe, unmittelbar gefolgt vom Susten, endgültig erobert.

Ein Stück vor der Passhöhe zwingt uns erneut die grandiose Szenerie zum Innehalten. In der letzten Kurve vor der Passhöhe schenkt uns die Grimsel dann einen Sonnenaufgang der ganz besonderen Art. Für einen Moment öffnet sich eine Wolkenlücke, wir stehen wie im grellen Scheinwerferlicht und grinsen beide um die Wette.

MotorProsa-Blog: Ein Sonnenstrahl mitten im Sturm

Ein Sonnenstrahl mitten im Sturm

Das Frühstück im Alpenrösli nehmen wir aber dann doch drinnen ein, denn auf der Terrasse pfeift es ordentlich, mit Wetterkapriolen wie im April. Das „kleine“ Frühstück ist so reichlich, dass noch zwei Käsebrote für den Tankrucksack rausspringen, außerdem müssen wir doch aufessen zwengs gutem Wetter.

Das Regenradar zeigt jedenfalls keine nennenswerten Niederschläge auf unserer Route an und so fällt die Entscheidung nach einem Blick zum Himmel gegen den Furka und für den Nufenen. Denn auch der ist ja noch Neuland für mich und zunächst wird sogar die Straße wieder trocken, bis es doch wieder anfängt zu tröpfeln. Ich bin dennoch geflasht, denn wenn es mit den vielen Wolken hier schon so schön ist, wie mag da erst die Aussicht auf die umliegenden Bergriesen bei guter Fernsicht sein – topp, wieder ein Schweizer Pass mehr auf meiner Liste.

Hinter der Passhöhe des Nufenen tauchen wir in Nebelschwaden ein, die von Sichtweiten unter 10 Metern bis zu wahren Schleiertänzen um uns herum reichen. Eine unglaublich mystische Stimmung macht sich breit; es fühlt sich irgendwie an, als wär ich gar nicht wirklich hier – kennt ihr das?

JvS
Leider blieb uns das Panorama auf die 4000er der Berner Alpen verwehrt. Aber ich hab da mal was vorbereitet:

MotorProsa-Blog: Das Finsteraarhorn – 4274 m hoch

Das Finsteraarhorn – 4274 m hoch

Ab Airolo fährt Jürgen wieder vor, die wundervolle Tremola wartet auf uns. Aber die Realität holt uns unsanft ein – rundrum ist es dunkelgrau, es fängt richtig an zu schütten. In der ersten Kehre muss es dann also doch sein, JvS fährt rechts ran und packt sich in GoreTex, ich versuche, meine Regenklamotten rauszukramen. Wer hat die eigentlich heute morgen da ganz unten reingepackt? Irgendwann ist dann auch alles pitschnass, aber wieder ordentlich verstaut und wir wagen uns in den Autolavaggio della Tremola.

Im Regen fährt die anscheinend nicht jeder – die Sicht reicht nur ein paar Armlängen weit, unsere Visiere sind von außen wie von innen voller Regentropfen. Jürgen orientiert sich an der roten Mittellinie und ich klebe an seinem Rücklicht, das Wasser läuft in jede Ritze und ich muss unweigerlich grinsen, haben wir heute doch noch gut 300 Kilometer vor uns. Ich fang an zu singen, um dem Sonnengott zu huldigen und stell mir in den schillernsten Farben vor, wie wir in einigen Kilometern, vom Fahrtwind getrocknet, in der Sonne in einem netten kleinen Cafe sitzen.

Tatsächlich lässt der Regen am Gotthard nach. Bis Andermatt und auf dem Oberalp ist zwar alles noch nass, aber es kommt kein Nachschub mehr von oben. Und als dann unweit der Passhöhe die rote Bahn von hinten kommt, bin ich sowas von felice, denn ich wollte immer schon mal in der langen Galerie neben dem Zug herfahren. Aber kaum im Tunnel, gibt der Zugführer Stoff – zum Glück ist auf der Straße nix los, so können wir prima mithalten. Ein asiatisches Pärchen im Zug winkt uns zu und freut sich wie Schnitzel, als wir zurückwinken.

MotorProsa-Blog: Rot und Rot gesellt sich gern – Begegnung am Oberalp

Rot und Rot gesellt sich gern – Begegnung am Oberalp

Mein Gesang hat scheint’s geholfen, denn auf der Fahrt durch die Surselva wird es zunehmend freundlicher und ein lauer Fahrtwind macht sich an die Arbeit – er will ja schließlich mal ein richtiger Alpenföhn werden. Auch meinen Reisegefährten hat er erfolgreich wieder getrocknet, so wage ich die Frage nach einem weiteren Abenteuer. Sein breites Grinsen genügt mir als Antwort.

Glück ist das einzige,
das sich verdoppelt, wenn man es teilt

Ich möchte auf die andere Seite der Rheinschlucht. Da gibt es ein kleines, schnuckeliges Café am Bahnhof, und dort dürfte inzwischen die Sonne scheinen. Ich habe schon auf der Herfahrt das verheißungsvolle Hinweisschild entdeckt und so stürzen wir uns mutig den Berg hinunter – auf einer klitzekleinen steph-Lieblings-Ministraße, die auf den letzten Metern sogar noch in eine steile Schotterpiste übergeht. Yipieeeeh, mein Traum wird wahr: Käffchen am Bahnhof Valendras/Sagogn. Was sind wir doch für Glückspilze – in der Sonne werden auch die letzten regennassen Stellen noch trocken.

MotorProsa-Blog: Sonnenbaden am Lieblings-Café

Sonnenbaden am Lieblings-Café

Auf der Weiterfahrt durch die zauberhafte Rheinschlucht, mitten in Versam, justament als wir gemütlich an einer kleinen Wiese vorbei gleiten, wird direkt neben der Straße ein Kälbchen geboren. Herzlich willkommen auf dieser Welt, du kleines Wesen!

Am Aussichtspunkt ist mir sogar das Zugglück hold, was ich aber beim Fotografieren noch gar nicht bemerke, und ein Zeitgenosse gibt uns etwas Geschichtsunterricht über die Schlucht. In Tiefencastel biegen wir ab zum Albula, der schon lange einer meiner Schweizer Lieblinge ist – eine Rast auf der Passhöhe hat auch Tradition. So ein bisschen Wehmut, dass es dem Ende zugeht, macht sich schon in mir breit. Aber dem stell ich die Freude über das Erlebte gegenüber, und schon kann ich wieder im Moment sein und den Albula mit seinen wundervollen Herbstfarben genießen.

Bei Zernez führt unser Weg weiter ins Unterengadin, ich darf wieder vorneweg genüßlich durch die Kurven schwingen. Ich erfreue mich an der Landschaft und den Highlights wie den Abzweigen nach Guarda, Schloss Tarasp, nach S-Charl und ins wundervolle Val Sinestra. Ganz versunken in diesen Erinnerungen, guck ich wohl ziemlich dämlich aus der Wäsche, als sich mir zwei Polizisten in den Weg stellen. Zack, da isses wieder, mein schlechtes Gewissen in der Schweiz:

War ich zu schnell? Hab ich was weggeschmissen? ..oder irgendwas anderes falsch gemacht?

JvS
Jetzt lotste ich uns extra durchs Unterengadin, um den Grenzübergang bei Müstair zu vermeiden, und dann das …

Ich bleib natürlich stehen und muss unweigerlich lächeln – steht doch ein echt schmucker junger Schweizer Kantonspolizist vor mir. „Gruezi, Verkehrskontrolle, bitte fahren sie auf den Seitenstreifen!“ Ausweis, Führerschein und sogar den richtigen Fahrzeugschein – ich hab alles dabei.

Er scheint zufrieden und im Weiteren entwickelt sich eine entspannte Unterhaltung ob der Schräge meines Kennzeichens und dass auch bei vielen anderen Dingen die Vorschriften je nach Land verschieden sind. Ich gebe artig zu Bedenken, dass man letztlich doch die Vorschriften des Landes, das man bereist, einhalten sollte – und er meint dazu, dass das schön, aber utopisch wäre, und ihre Arbeit durchaus mal Ermessenssache sei. Und genau DAS rettet JvS wohl gerade den Allerwertesten.

JvS
Verdammt .. in einem Anfall von Wahnsinn und Verdrängung ging ich mit grenzwertigem Reifenprofil auf diese Tour. Vor meinem geistigen Auge läuft nun ein teurer Film ab, inklusive dem vollen Programm von Stilllegung der Ducati, Strafe und Anzeige. Aber eben: es ist Ermessenssache, denn für Italien würde das Profil noch reichen. Es bleibt bei einer – immerhin eindringlichen – Verwarnung.

MotorProsa-Tipp: Fahrt nicht mit solchen Reifen in die Schweiz

Tipp: Fahrt nicht mit solchen Reifen in die Schweiz

Wer ‚mit alles‘ bestellt, der bekommt halt auch ‚mit alles‘ – in jedem Fall ist es ein amüsanter Abschluss dieser wunderbaren Tage.

Auf der Norbertshöhe noch ein letzter Stopp, dann trennen sich in Nauders unsere Wege. Jürgen fährt Richtung Reschenpass, ich will bis Strad/Tarrenz zum Gasthof Seewald, einem sehr netten kleinem Gasthaus in genialer Lage, weit weg von der Hauptstraße in einer Sackgasse und absolut ruhig. Nach einem Stiefelradler falle ich todmüde und überglücklich ins Bett.

Ich stehe früh auf und lasse das Frühstück ausfallen, denn so kann ich der aus Südwesten anrollenden Regenfront davonfahren. Ich genieße wieder die schöne Strecke über den Mieminger Berg; der Stopp am Walchensee mit Gracia ist eh obligatorisch, weil – Tradition! Und apropos ‚einmal mit allem‘ – 13 Kilometer vor zuhause knackt mein weltbestes, heiß geliebtes Monster die 60.000 Kilometer-Marke.

Danke

… von Herzen und in Demut für alles, was mich stärkt, mich nährt und Liebe und Frieden in mein Leben bringt. Das Alltägliche ist oft nicht mehr selbstverständlich, Gesundheit ist ein kostbares Geschenk, ebenso, wie die Menschen, die mein Leben bereichern und die Natur und die Schönheit dieser Welt, die mir so viel Kraft geben.

@Jürgen
Einmal mehr, herzlichen Dank für Deine Reisebegleitung, die so unkompliziert wie bereichernd, so herzerfrischend wie lustig und noch so vieles mehr ist.

JvS
steph, ich danke Dir für diesen Tanz durch die Schweiz. Mit Dir ist Motorradfahren so, wie ich es mir immer gewünscht habe: Unaufgeregt, entspannend und ruhig – ein Genuss! Vergelt’s für Deine Erzählung, ich freu mich auf die nächste gemeinsame Tour.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

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