Alex Milz – Ein Gespräch über Schottland, Reisen und das Schreiben unterwegs

Eindrücke aus Schottland. Alex Milz, Motorrad-Reisender und Autor im Gespräch.
Lesedauer // Reading time: 26 Min.

Bis auf die paar Eindrücke aus dem einen bekannten Film verbinde ich mit Schottland nichts. Aber mein Freund Alex hat vor Kurzem einen Reiseführer veröffentlicht – und mich damit auf die Reise genommen. Taucht mit ein in die Magie Schottlands!

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Es ist schon haptisch ein wunderbares Buch: Knapp 200 Seiten schwer, auf erstklassigem Papier gedruckt, mit glasklaren, zum Teil vollformatigen Fotos. Bereits im Vorwort lese ich, bildhaft und emotional beschrieben: „Seit über 30 Jahren steckt Schottland nun in der Sehnsuchtsecke meines Herzens“ – klar, dass mich die zwölf Tourenbeschreibungen nicht mehr loslassen.

Alex reiht dabei nicht einfach die bekanntesten Wegepunkte aneinander, sondern sieht sich aufmerksam um, erkundet kleinste Pfade und versteckte Landstriche, beschreibt die Magie Schottlands.

Cover des Schottland-Reiseführers von Alex Milz
„Schottland“ von Alex Milz

Wertvolle historische Hintergrundinfos zu den angefahrenen Orten, ergänzende Tipps und nicht zuletzt die erstklassigen Fotos sorgen dafür, das Land im Norden der Britischen Inseln auch in meine Herzens-Sehnsuchtsecke zu bringen.

Jede vorgestellte Tour wird kompakt auf einer Übersichtsseite zusammengefasst – mit Karte, GPS-Daten, den wichtigsten Tipps sowie URLs. Alles rund, alles drin und begeistert geschrieben – ich bin sicher, mehr braucht der Schottland-Reisende nicht, egal ob Neuling oder Wiederholungstäter.

Alex‘ Schottland-Reiseführer ist mein Lese-Tipp! Erhältlich im Alpentourer-Shop sowie in jeder Buchhandlung mit der ISBN 978-3-939997-89-4 bestellbar. Und für Unentschlossene: Auf YouTube könnt Ihr Alex und Helga bei ihrer Reise durch den Südwesten Schottlands zusehen. Alex‘ Film „Schottlands Südwesten“ ist seit Kurzem online. Schaut unbedingt rein!

Alex und ich haben also ausgiebig miteinander sprechen müssen – über Sehnsucht, den schottischen Regen, das Unterwegs-Sein und das Schreiben darüber.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Schottland –
 Fahren, Erleben, Draußensein

Du schreibst von „der Sehnsuchtsecke Deines Herzens“. Wann und wie fand Schottland den Weg dahin?

Das ist schon lange her. 1995 waren wir zum ersten Mal dort. Wir wanderten damals im Glen Affric, das ungefähr eine Stunde von Inverness entfernt liegt, oberhalb des Loch Ness und es ist eines der ursprünglichsten Täler Schottlands. Dort habe ich zum ersten Mal diese ursprüngliche, fast unberührte Landschaft erlebt. Es ist wie eine Zeitkapsel dort. Ich hatte das Gefühl, in einem Land vor unserer Zeit gelandet zu sein, weil ich so etwas noch nie gesehen hatte. Ein kleiner See, umgeben von alten Wäldern. Nach einem Regenschauer kam die Sonne heraus, der Dunst stieg auf und lag wie ein Schleier über den Wiesen. Es war ein magischer Moment.

Seitdem sind wir immer wieder nach Schottland zurückgekehrt und haben solche Augenblicke an vielen Orten erlebt. Dazu kommt die dramatische Geschichte des Landes. Die Schotten verstehen es, diese Geschichte zu mystifizieren und an den passenden Orten lebendig werden zu lassen.

Und irgendwo zwischen all dem Regen und dem Licht, der Sonne, die durch dunkle Wolken bricht und Farben hervorzaubert, die man sonst kaum kennt, und zwischen all den Legenden mit ihrer Dramatik und ihrer Schönheit hat sich dieses Land dann irgendwann in meinem Herzen festgesetzt.

Linksverkehr, Singletracks, uralte Ansitze, Sonne und Regen im ständigen Wechsel – veränderte das Deinen Fahrstil?

Ja, auf jeden Fall. Schottland ist kein Land, um zu rasen. Ein Singletrack verlangt volle Aufmerksamkeit. Fahrzeuge, die dir entgegenkommen, müssen in die Passing Places ausweichen – oder du. Und weil diese Buchten überall verteilt sind, bist du ständig am Beobachten und Einschätzen.

Unterwegs auf Schottlands Singletracks - perfekt, um in die Landschaft einzutauchen

Singletracks – perfekt, um in die Landschaft einzutauchen

Gleichzeitig hast du dort überhaupt kein Bedürfnis, schnell zu fahren. Es gibt immer etwas zu sehen. Schon der ständige Wechsel aus Sonne und Regen erzeugt Lichtspiele, bei denen du automatisch vom Gas gehst. Und irgendwo steht immer ein altes Gemäuer, eine Ruine, eine Geschichte in Stein. Wenn du, so wie ich, gerne fotografierst oder filmst, dann wird es erst recht entspannter. Es kann gut passieren, dass du für zehn Kilometer einen halben Tag brauchst, einfach weil du ständig anhältst. Und ehrlich: Man bereut keinen einzigen dieser Stopps. Besonders an der Westküste und auf den Abschnitten der North Coast 500 hatten wir das Gefühl, dass hinter jeder Kurve wieder etwas Magisches wartet.

Wie fühlt sich Motorradfahren an, wenn du weißt, dass Du nicht nur unterwegs bist, sondern auch darüber erzählen willst?

Dann bin ich immer auf zwei Ebenen unterwegs. Die eine lenkt das Motorrad, achtet auf Straße, Kurven und Verkehr. Und die zweite Ebene ist wie ein stiller Beobachter, der alles aufsaugt: Landschaft, Licht, Stimmungen, Geräusche. Es ist eine Neugier, die ständig mitfährt.

Wenn ich unterwegs bin und weiß, dass ich später darüber erzählen möchte, dann sind alle Sinne noch einmal besonders geschärft. Natürlich sehe ich mehr. Ich lasse den Blick schweifen, und dadurch fahre ich automatisch angepasster und langsamer. Viele Strecken sind, zum Glück, mit wenig Verkehr gesegnet, sodass man diesen Blick überhaupt schweifen lassen kann.

Und dann kommen die anderen Sinne dazu: Du riechst den Regen, lange bevor er fällt. Du nimmst kleine Cafés wahr, die plötzlich am Straßenrand auftauchen. Diese winzigen, oft etwas schrulligen „Café Bothies“, die so idyllisch sind, dass man einfach anhalten muss. Ein Foto machen, fragen, warum ausgerechnet hier – mitten in dieser schönen Einsamkeit – jemand ein Café betreibt. Und dann ergibt sich oft ein Gespräch, das genauso in Erinnerung bleibt wie eine schöne Kurve.

Neugier fährt bei Alex Milz ständig mit

Neugier, die ständig mitfährt

Das ist der Moment, in dem Motorradfahren für mich weit mehr ist als Schräglage oder Fahrtechnik. Es ist auch mehr als reine Recherche. Es ist ein Fahren mit allen Sinnen. Manchmal riechst du sogar Kuchen, bevor du das Schild überhaupt siehst. Das klingt wie ein Witz, aber es passiert wirklich. Je nachdem, wie schnell du fährst, kommt dir der Duft direkt entgegen. Ich erinnere mich, wie wir in Pitlochry losgefahren sind und ein paar Kilometer weiter an so einem kleinen Café Bothy vorbeikamen, das in einer Kurve lag. Alt, charmant, ein bisschen skurril. Und da hat es eindeutig nach frischem Kuchen gerochen. Oder vielleicht war es nur meine Einbildung, weil es so gemütlich aussah. Wahrscheinlich war es tatsächlich Einbildung, aber auch diese „Einbildungssinne“ gehören dazu.

Wir haben trotzdem angehalten und uns einen Kuchen gegönnt, obwohl wir gar keinen Hunger hatten. Und dort habe ich den für mich besten Lemon Drizzle meines Lebens gegessen. Der war so zitronig und so saftig, einfach einmalig.


Der Autor

Alexander Milz, Jahrgang 1963, wollte schon früh Journalist werden, doch das Leben führte ihn zunächst in andere Richtungen. Über das Motorradfahren und seine Arbeit für den Alpentourer fand er schließlich doch wieder zurück zu seinem ursprünglichen Berufswunsch. Seit mehr als zehn Jahren berichtet er über seine Motorradreisen in Europa und der Welt.

Alexander Milz, Motorrad-Reisender und Schottland-Liebhaber

Alexander Milz, Motorrad-Reisender und Schottland-Liebhaber

Darüber hinaus ist er passionierter Filmemacher und betreibt den YouTube-Kanal Alex on Road mit über 9.200 Abonnenten. Seine Filme verbinden Landschaft, Geschichte und Begegnungen zu atmosphärischen Reiseerzählungen. Milz arbeitet mit großer Aufmerksamkeit für Details und einem feinen Gespür für Sprache. Für ihn zählen nicht nur die Routen, sondern auch die Menschen, die Geschichte und die Stimmung eines Ortes.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt sein Film „Griechenlands vergessene Dörfer“, in dem er eine vom Zweiten Weltkrieg gezeichnete Region porträtiert. Damit zeigt Alex, dass er sich auch an Themen wagt, die weit über klassischen Reisejournalismus hinausgehen.


Gab es Strecken, die Du mehrfach fahren wolltest – weil sie zu schön waren, um es bei einmal zu belassen?

Auf jeden Fall. Da gab es so einige Strecken. Und eigentlich würde ich sie am liebsten verschweigen. Nein, natürlich teile ich sie gerne.

Viele fahren zum Beispiel den Applecross Pass. Er liegt in den Northwest Highlands, auf der Applecross Peninsula. Die Passstraße verbindet die Küste bei Tornapress mit dem kleinen Ort Applecross. Berühmt ist sie für ihre steilen Spitzkehren und den Blick rüber nach Skye. Viele fahren ihn gleich mehrmals. Ich finde ihn schön, keine Frage, aber er ist eigentlich gar nicht so spektakulär, wie oft erzählt wird.

Ganz anders war für mich die Fahrt durchs Glen Quaich. Das Glen Quaich liegt in den Central Highlands, zwischen Kenmore am Loch Tay und Amulree. Es ist ein Singletrack, der mitten durch eine Heidelandschaft führt. Wenn die Heide blüht, dann fährst du – oder besser: du gleitest – über die Höhen dieses Tales. Es fühlt sich an, als würdest du über einen Teppich aus violetten Sträuchern schweben. Dazwischen liegt ein kleiner See, still wie ein Spiegel. Und wenn dazu, wie bei uns, die Sonne herauskommt, dann bekommt die Strecke etwas so Zauberhaftes, dass wir sie direkt zweimal gefahren sind. Einmal hin und einmal zurück.

Eine zweite Strecke, die mir sofort einfällt, ist die Golden Road. Sie liegt auf der Isle of Harris, an der Ostküste der Äußeren Hebriden, zwischen Tarbert und Rodel. Die Straße windet sich durch diese typische felsige Landschaft, für die Harris berühmt ist: kleine Seen, Tümpel, verstreute Farmhäuser. Dann türmen sich plötzlich größere Felsen vor dir auf. An der nächsten Biegung zieht sich die Straße über einen Felsrücken, um direkt danach wieder steil abzutauchen. Alles ist ein bisschen unübersichtlich, sehr kurvenreich und unglaublich abwechslungsreich. Es ist wie eine Fahrt durch eine lebendige Felslandschaft, ständig im Wechsel und ständig überraschend.

... wie eine Fahrt durch eine lebendige Felslandschaft

… wie eine Fahrt durch eine lebendige Felslandschaft

Wie viele Regentage braucht man, um Schottland wirklich zu verstehen?

Diese Frage impliziert ja, dass es Tiefdruckgebiete gibt, die sich festsetzen und dann einfach tagelang alles grau und nass machen. Klar, das kommt vor. Und wenn es wirklich dauerhaft durchregnet, dann macht Schottland irgendwann auch keinen Spaß mehr. Aber so oft passiert das gar nicht. Durch die Westwinde bleibt das Wetter normalerweise in ständiger Bewegung.

Und genau darin liegt der Schlüssel: Du kannst Schottland nur durch diesen Mix aus Regen und Sonne verstehen. Durch die vielen Grautöne, die unterschiedlichen Lichtstimmungen und diese magischen Momente, wenn die Sonne plötzlich wieder durchbricht. In Schottland gibt es kein reines Hell und auch kein reines Dunkel. Es ist immer ein Dazwischen. Und wenn du dich darauf einlässt, wirst du reich beschenkt: Mit Farben, Gerüchen und Augenblicken, die du so schnell nicht vergisst.

Nehmen wir zum Beispiel einen Morgen, an dem es geregnet hat, nachdem der Tag zuvor besonders schön war. Wenn du dann durch Glencoe fährst – für viele eines der magischsten Täler Schottlands – liegt der Morgendunst im Tal wie ein Schleier. Vielleicht steigst du sogar aus und wanderst ein Stück. Dann siehst du, wie diese Nebelschwaden langsam wabern und sich verziehen. Unfassbar schön. Und genau solche Momente gäbe es ohne den Regen überhaupt nicht. Ohne die Temperaturunterschiede, die dieses Spiel aus Licht und Dunst überhaupt erst möglich machen.

Deshalb: Es ist nicht der Regen allein, den du brauchst, um Schottland zu verstehen. Das greift viel zu kurz. Es ist der Wechsel, der Rhythmus, das ständige Auf und Zu des Himmels.

Und falls es doch einmal dieses berühmte, fürchterliche Tiefdruckgebiet geben sollte, von dem alle erzählen – dann wechselst du einfach die Seite. Fahr an die Ostküste. Dort ist es fast immer besser und beständiger. Es gibt genügend Möglichkeiten, dem schlechten Wetter auszuweichen.

Und dann gibt es noch diesen Spruch, der in Schottland ständig fällt: „Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte einen Moment.“ Da steckt viel Wahrheit drin.

Schottland gilt als Land der Geister, Burgen und Mythen – hast Du unterwegs einen eigenen Geist getroffen?

Beinahe tatsächlich. Schottland ist voll von solchen Orten, an denen man Geistergeschichten nicht erfinden muss, weil die Landschaft selbst schon die halbe Arbeit übernimmt.

Ein gutes Beispiel ist Ardvreck Castle – eine einsame, windgepeitschte Burgruine am Loch Assynt in den Northwest Highlands. Um Ardvreck rankt sich die Geschichte eines Ritters, der dort einst Schutz suchte und von der Burgherrin verraten wurde. Er wurde gefasst, geviertelt und soll seitdem in stürmischen Nächten um die Ruine spuken. Wenn du Ardvreck Castle an einem dunstigen, regnerischen Abend siehst, das Licht kippt und der Wind über den See pfeift, dann brauchst du wirklich nicht viel Fantasie. Die Geisterstimmung kommt von selbst.

Und dann gibt es Orte, wo man fast das Gefühl hat, die Schotten hätten beschlossen, ihre Geister einfach offiziell in den Alltag zu integrieren. So ging es mir in Brodie Castle. Das Schloss liegt westlich von Forres, nicht weit von Inverness, hell verputzt und erstaunlich freundlich wirkend. Ein sehr altes, sehr bekanntes Anwesen. Und genau dort lebt die Legende der Lady Margaret Duff, der Ehefrau von James Brodie. Sie starb im 18. Jahrhundert bei einem Brand, und seitdem soll ihr Geist im Schloss umgehen. Viele Besucher berichten von einer leisen, vorbeihuschenden Gestalt, die man eher spürt als sieht.

Schottland ist Nebel, Regen, Licht, alte Mauern, Legenden ...

Nebel, Regen, Licht, alte Mauern, Legenden …

Bei einem Besuch dort ist mir dann folgendes aufgefallen: Auf dem Kaminsims lagen die Einladungen für die Gäste – und mittendrin eine Karte für den Hausgeist. Kein Scherz. Die Gastgeber meinten das völlig ernst. Da stand ganz selbstverständlich eine Einladung für Lady Margaret oder wen auch immer dort noch über die Flure huscht. Da wurde mir wieder klar: In Schottland glaubt man nicht an Geister – man lebt mit ihnen.

Und genau dieses Selbstverständnis passt so gut zu diesem Land. Nebel, Regen, Licht, alte Mauern, Legenden – alles vermischt sich zu Geschichten, die du nicht erklären musst. Sie stehen einfach da. Und du stehst mittendrin.

Über das Erinnern
 und das Festhalten

Welche Technik verwendest Du, um Deine Motorradreisen zu dokumentieren?

Ich bin mit einer großen Sony a7 IV unterwegs und habe drei Action-Cams dabei. In der Regel waren es immer GoPros gewesen. Ich tausche aber jetzt das Ganze und werde mir DJI Osmos 4 Pros besorgen. Ich habe auch eine kleine DJI Action 2, der kleine Cube, den ich sehr, sehr schätze für meine Helmkamera. Dann ist noch eine Insta360 mit an Bord, wobei ich direkt sagen möchte, mir gefallen die ständig bewegten 360-Grad-Footages nicht. Das wirkt alle sehr beliebig. Ich nutze die Kamera eher, um feste Einstellungen in unterschiedlichen Variationen mit einzuschneiden. Also ich bin ein sehr sparsamer 360-Grad-Footage-Verwender, um es einmal so zu sagen. Dann habe ich noch eine Drohne dabei, manchmal auch zwei, je nachdem, wo ich hinfahre und wie viel Platz am Ende wirklich dabei ist.

Es geht nicht ohne passendes Equipment

Ohne passendes Equipment geht es nicht

Mein Laptop habe ich vor zwei Jahren gegen ein iPad Pro getauscht. Das nutze ich in Verbindung mit SSD-Festplatten (2 TeraByte). Von denen habe ich zwei bis drei dabei, je nachdem, wie lange ich unterwegs bin. Abends wird tagesaktuell gesichert. Und wenn ich bestimmte Szenen und Szenenkombinationen schon im Kopf habe, dann mache ich mir passende Notizen. Meistens auf der Michelin-Papierkarte, die ich in der Regel mitnehme, weil der Maßstab gut ist und die grobe Übersicht gegeben ist.

Wie entscheidest Du, welche Landstriche, Orte und Sonderbares es ins Buch schaffen?

Ich unterscheide da zwei Dinge. Wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin und gleichzeitig filme, dann bestimmt die Reise selbst das Drehbuch. Ich habe ein paar Punkte, die ich unbedingt sehen möchte, aber ich plane nichts minutiös. Viele Strecken entdecke ich erst vor Ort. Das lässt Raum für spontane Begegnungen und skurrile Momente, die ich vorher gar nicht recherchieren könnte.

Die Klassiker sind in Alex' Schottland-Reiseführer natürlich auch zu finden

Die Klassiker gehören dazu

Der eigentliche Erzählstrang ergibt sich dann oft erst in der Postproduktion. Ich schaue, was mich unterwegs wirklich berührt hat. Das kann ein Ort sein, eine Stimmung oder auch eine Begegnung wie in meinem letzten Schottland-Film, als ich auf dem Schiff diesen jungen Mann traf, der ein 300 Jahre altes Fernglas dabeihatte. Solche Dinge plant man nicht – die nimmt man einfach mit.

Natürlich gehören auch die klassischen Highlights rein, wie der Applecross Pass. Die kennt jeder, und trotzdem erzähle ich sie gerne aus meiner eigenen Perspektive. Am Ende entscheide ich nach dem Prinzip „kill your darlings“. Nicht alles, was ich persönlich toll finde, funktioniert auch für den Film. Deshalb halte ich beim Schneiden immer beide Blickwinkel im Kopf: Was mir Freude macht und was Zuschauer wirklich gerne sehen.

Ein festes Drehbuch zu schreiben, wäre oft einfacher. Aber dann geht die Spontaneität verloren – und dann ist es für mich keine Reise mehr, sondern nur noch ein Projekt.

Gibt es ein Kapitel, das Du besonders gern geschrieben hast?

Oh ja. Ein Kapitel, das ich besonders gerne geschrieben habe, ist die Tour zu den Äußeren Hebriden. Diese Inselkette ist nicht einfach nur ein Ring aus Land vor der Westküste Schottlands, der draußen im Atlantik die Wellen bricht. Es ist eine komplett eigene Welt.

Die Landschaft dort ist unglaublich karg: kaum Bäume, endlose Moorflächen, Felsen, weite Horizonte. Vieles davon ist das Ergebnis eines uralten Klimawandels, der die ursprünglichen Wälder verschwinden ließ. Gleichzeitig wird auf den Inseln noch erstaunlich viel Gälisch gesprochen. Es wirkt, als wäre man ein Stück weiter zurückgereist – aber nicht in die Romantik, sondern in eine rauere, entbehrlichere Zeit.

Schottland - Eine komplett eigene Welt

Eine komplett eigene Welt

Und genau daraus entsteht diese besondere Magie. Die Hebriden sind nicht das dramatische Glencoe, durch das Rob Roy oder William Wallace galoppieren. Es ist ein Land, in dem Menschen gelernt haben, mit wenig auszukommen, ihre Traditionen zu pflegen und trotzdem offen und neugierig auf Reisende zuzugehen. Und es ist ein Stück Schottland, das vom Overtourism ziemlich unberührt ist – anders als die Insel Skye zur Hochsaison.

Mir hat es riesigen Spaß gemacht, über diese Welt zu erzählen. Wir sind mit der Fähre rüber, haben mit dem Kapitän gesprochen, ich war an einer gälischen Volkshochschule und habe mit dem Leiter über Sprache und Traditionen geredet. Und dann gibt es diese kleinen Besonderheiten, wie die Insel Barra, auf der das Flugzeug auf einem Sandstrand landet – aber nur bei Ebbe.

Solche Geschichten, kombiniert mit dieser ursprünglichen Landschaft, machen die Äußeren Hebriden zu einem Kapitel, das ich wirklich mit großer Freude geschrieben habe.

Wie hält man das Gleichgewicht zwischen Reiseführer und Roadtrip – also zwischen Information und Emotion?

Das ist tatsächlich eine große Herausforderung, weil der Verlag klare Vorgaben macht. Eine davon war, nicht aus der Ich-Perspektive zu schreiben, sondern im Stil eines klassischen Reiseführers. Mein eigenes Erleben war also ein Stück weit eingekapselt. Emotionaler schreiben kann ich natürlich, wenn ich aus meinem Blickwinkel erzähle, aber hier sollte der Fokus auf der Strecke liegen und auf dem, was man dort objektiv sieht.

Dazu kommt, dass man nur eine begrenzte Anzahl an Zeilen pro Abschnitt hat. Die Kunst besteht dann darin, in diesen Zeilen sowohl die Informationen unterzubringen als auch etwas von der Stimmung mitzutransportieren – ohne dabei zu subjektiv zu werden. Ich versuche das über die Sprache der Landschaft selbst: Zu beschreiben, was sie ausstrahlt, ohne alles durch meine persönliche Brille zu filtern. Denn zu subjektiv zu schreiben kann schnell zu Enttäuschungen führen, wenn jemand vor Ort etwas ganz anderes empfindet.

Erzählen, über die Sprache der Landschaft selbst

Erzählen, über die Sprache der Landschaft selbst

Ein Reiseführer ist emotional immer ein bisschen eingeschränkt, aber über die Auswahl der Orte und eine lebendige, bildhafte Sprache bekommt man trotzdem einen guten Mix hin. Am Ende geben aber die Guidelines des Verlages den Rahmen vor – und innerhalb dessen muss das Gleichgewicht gefunden werden.

Ich bin da sehr selbstkritisch und habe an dieser Balance wirklich intensiv gearbeitet. Ich kann am Ende nur hoffen, dass es mir gelungen ist. Denn ein Reiseführer soll ja vor allem Neugier wecken: Lust auf eine skurrile Geschichte, auf einen besonderen Ort oder auf eine Strecke, die man erlebt haben muss. Es ist eher ein Geschmacksmuster, das im besten Fall Hunger auf mehr macht. Ob mir das gelungen ist, entscheidet am Ende der Leser.

Wie gehst Du mit dem Gefühl um, wenn eine Reise endet, aber der Kopf noch unterwegs ist?

Für mich ist das ganz einfach: Ich freue mich auf die Postproduktion. Denn dort habe ich die Chance, die ganze Reise noch einmal – und oft sogar intensiver – zu erleben. Beim Sichten der Aufnahmen tauche ich tief in die Details ein, die mir unterwegs vielleicht nur flüchtig begegnet sind. Jede Sequenz, jedes Geräusch, jeder Moment bekommt noch einmal Raum. Und so reist mein Kopf weiter, während ich den Film oder das Buch entstehen lasse.

Wie viel Whisky und wieviele Stunden Arbeit stecken in Deinem Reiseführer?

In der Tat trinke ich während des Schreibens keinen Whisky. Der vernebelt mir nur den Kopf und dann bin ich schlicht nicht mehr gut im Formulieren. Höchstens wenn ich ein Kapitel wirklich abgeschlossen habe, gönne ich mir mal einen guten Schluck.

Whisky gibt's nach getaner Arbeit

Whisky gibt’s erst hinterher

Arbeitsstunden kann man für so ein Buch nicht zählen. Ich habe vier Monate intensiv daran gearbeitet – jede freie Minute, die ich hatte. Ich hatte 14 Tage Urlaub, und in dieser Zeit ging wirklich jeder einzelne Tag für den Reiseführer drauf. Dann kommen die Korrekturen dazu, die Abstimmungen mit dem Verlag, die Bildauswahl. Sobald meine Texte standen, war der Verlag natürlich am Zug, was eine große Erleichterung war. Aber wenn man die Zeit für Layout, Kartensatz und alles, was da dranhängt, noch mitrechnet, stecken da unglaublich viele Stunden drin.

Finanziell wirst Du mit einem solches Projekt nicht reich. Wenn jemand einen Reiseführer nur schreibt, um damit Geld zu verdienen, hat er entweder einen sehr speziellen Verlag im Rücken – oder die falsche Motivation. Als Autor musst du Freude am Schreiben haben. Am Formulieren. Am Geschichtenerzählen. Dafür machst Du es.

Reisen
 und Schreiben

Hast Du Dich irgendwann gefragt, warum Du das alles machst – und gibt es einen Ort, an dem Du die Antwort gefunden hast?

Das hat viel mit meinen Talenten zu tun. Ich bin ein naturwissenschaftlicher Legastheniker. Alles, was mit Formeln, Daten und reiner Analytik zu tun hat, liegt mir nicht besonders. Sprache dagegen fällt mir leicht. Ich spiele gern mit Worten, ich arbeite gern mit Sprache – und das ist einer der Gründe, warum ich überhaupt schreibe.

Trotzdem gibt es Momente, in denen ich mich frage, warum ich mir das antue. Nämlich dann, wenn das Zeitfenster zu knapp wird und ich mich hetzen muss. Ein bisschen Druck kann kreativ machen, aber wenn eine Deadline zu eng wird, geht die Freude am Fabulieren schnell verloren.

Die Antwort darauf, warum ich es trotzdem tue, finde ich fast immer unterwegs – in Begegnungen mit Menschen, die mich berühren. Zum Beispiel das Gespräch mit dem Kapitän der Fähre zwischen dem Festland und den Äußeren Hebriden. Er kommt aus Stornoway, ist ein echter Hebrideer, stolz auf seine Herkunft und auf sein Leben dort. Ich fragte ihn, ob er auch mal andere Verbindungen gefahren ist. „Ja, ein paar Wochen“, sagte er. „Aber dann war ich froh, wieder hier zu sein.“ Er kennt jede Strömung, jede Welle, als wäre er mit dem Meer per du. Diese Zufriedenheit, diese Verwurzelung – die hat mich beeindruckt.

Und genau solche Begegnungen sind erzählungswürdig. Weil sie etwas zeigen, was wir in unserem eigenen Leben oft gar nicht mehr kennen. Und weil sie meistens etwas sichtbar machen, das mit unserer Welt nur wenig zu tun hat, aber uns trotzdem etwas Wichtiges erzählt.

Wie wichtig ist es Dir, dass der Leser nicht nur die Strecke, sondern auch die Magie Schottlands „mitnimmt“?

Das ist eigentlich der wichtigste Punkt. Nur die Strecke zu beschreiben, würde mich nicht erfüllen. Wenn aus meinen Zeilen ein Funken Schottland-Magie überspringt, wäre das das schönste Ergebnis überhaupt. Genau darum geht es mir: Nicht nur informieren, sondern etwas spürbar machen.

Und das gelingt nur über die kleinen Geschichten unterwegs. Begegnungen, die etwas zeigen, was mit unserem eigenen Leben oft wenig zu tun hat. Wie der Kapitän, der seit Jahren dieselbe Fähre zwischen Festland und den Hebriden fährt und darin seine ganze Ruhe, seinen ganzen Stolz findet.

Solche Momente tragen die eigentliche Magie. Wenn ich davon etwas transportieren kann, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Hattest Du beim Schreiben Momente, an denen Du wieder aufs Motorrad steigen wolltest?

Eigentlich ständig. Die Strecken sind immer noch in meinem Kopf: die Gerüche, das Licht, die Wolken. Und ich weiß genau – würde ich sie noch einmal fahren, würde ich sie wieder anders erleben. Das macht mich neugierig.

Gleichzeitig muss ich zugeben, dass es Orte gibt, die ich nur flüchtig gesehen habe und die ich mir nach dem Schreiben viel intensiver anschauen möchte. Ich bin sicher, dass ich dabei wieder etwas Neues entdecken würde.

Und ja, nach jedem Kapitel könnte ich sofort wieder aufs Motorrad steigen und dort hinfahren.

Welche Herausforderung war größer: Die Strecke beschreiben, die Begegnungen, das Wetter oder Deine eigenen Gedanken?

Die größte Herausforderung ist oft die Beschreibung der Landschaft. Jede Region hat ihre eigene Charakteristik – die Speyside zum Beispiel mit ihren vielen Brennereien entlang des Flusses Spey, den kultivierten Tälern und gleichzeitig den kargen Feldern. So etwas lässt sich gut greifen und gut beschreiben.

Fass diese Magie mal in Worte!

Fass DAS mal in Worte …

Schwieriger wird es in Regionen, die sich stark ähneln, vor allem an der Westküste oder auf langen Abschnitten der North Coast 500. Dort hast du viel schroffe Küste, Highland-Steppe und weite, abgeholzte Flächen ohne große Variation. Das immer wieder neu zu formulieren, ohne mich zu wiederholen, ist anspruchsvoll.

Da versetze ich mich fast meditativ in das Gefühl zurück, das ich beim Fahren hatte. Die Filmaufnahmen helfen mir enorm dabei. So finde ich die Sprache, die der Landschaft gerecht wird – auch dann, wenn sie sich vielen anderen Gegenden Schottlands ähnelt.

Welche der zwölf ist Deine Lieblingstour?

Das ist wirklich eine gemeine Frage. Frag mal einen Vater mit zwölf Kindern, welches sein Lieblingskind ist – er wird diplomatisch antworten. So geht es mir auch. Aber im Ernst: Meine Favoriten haben sich im Laufe der Jahre ständig verändert. Am Anfang waren es eindeutig die Highlands. Dann speziell die kargen, rauen Landschaften im Norden. Später habe ich mich in die Äußeren Hebriden verliebt. Die Scottish Borders ganz im Süden sind momentan mein absoluter Favorit – das ist Tour 1 im Buch. Und die Shetlands ganz oben im Norden, fast schon mehr Norwegen als Schottland, haben eine ganz eigene Faszination.

Wenn ich ehrlich bin: Es kommt immer darauf an, wie viel Zeit ich im Gepäck habe und welche Stimmung ich gerade habe. Hätte ich alle Zeit der Welt, könnte ich keine klare Nummer 1 nennen. Jede Tour, jede Region hat ihre eigene Magie, ihre eigenen Geschichten – und ihren ganz eigenen Whisky. Und so wie man aus einem Whisky die Region herausschmecken kann, so geht es mir mit den Touren auch. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter. Und die Zeit entscheidet über die Lieblingstour.

Wenn Du mir nur eine Seite Deines Buches zeigen könntest – welche wäre das? Und warum?

Eindeutig die Seite 8 mit der Gesamtübersicht der Strecken. Das ist eine Karte die die auf einen Blick alle Routen zeigt und fast keine Region aussen vorläßt. Die 12 Touren decken fast ganz Schottland ab, inkl. den Nordinseln Orkneys und Shetlands. Also ein flächendeckendes Programm, dass Du auf dieser Seite mit einem Blick erfassen kannst.

Es ist magisch in Schottland

Es ist magisch in Schottland

Alex, ich danke Dir sehr für dieses Gespräch und die Einblicke in Deine Arbeit! Die Magie Schottlands ist definitiv auch bei mir angekommen – ich muss da hoch! Nimmst Du mich mit?


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Bestens dazu passend:

1 Kommentar zu „Alex Milz – Ein Gespräch über Schottland, Reisen und das Schreiben unterwegs“

  1. Lieber Jürgen,
    ganz herzlichen Dank für diese interessanten Einblicke, die du mit diesem Gespräch eröffnest .. Mòran taing, wie der Schotte sagen würde!

    Lieber Alex,
    ich freu mich sehr auf die magic moments, die dein Buch mir schenken wird .. beim lesen & vielleicht in 2026 on the road 😉

    Ich bin ja nicht so wirklich der Fan von Tourbooks & hätte ich noch irgendwelche Bedenken gehabt, mir Dein Buch zu kaufen, so wären sie spätestens mit dieser, deiner folgenden Aussage zu Staub zerfallen..

    *Wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin und gleichzeitig filme, dann bestimmt die Reise selbst das Drehbuch. Ich habe ein paar Punkte, die ich unbedingt sehen möchte, aber ich plane nichts minutiös. Viele Strecken entdecke ich erst vor Ort. Das lässt Raum für spontane Begegnungen und skurrile Momente, die ich vorher gar nicht recherchieren könnte.*

    Genau das ist auch meine Art zu reisen, ein paar Eckpunkte und ansonsten einfach schauen was kommt .. Das Leben schreibt doch immer noch die besten Drehbücher!

    Ich freu mich auf lange Winterabende bei Kerzenschein mit deinem Buch unterwegs auf schottischen Single Track Roads =))

    ..auch Dir ein herzliches Mòran taing

    steph

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