
Serpentinen. Haarnadelkurven. Kehren – für mich sind sie die Essenz des Motorradfahrens, ich fahre gerne auch mal 200 davon am Stück. Wo? Natürlich rund um das Stilfserjoch – das in diesem Jahr 200 Jahre alt wird. Also, kommt mit auf eine besonders kehrenreiche Ausfahrt!


Es ist ein Kreuz in meiner Heimat. Sie ist so mit Bergen vollgestellt, dass es dauernd Aus ist mit der Aussicht. Die Dinger sind so hoch, dass man um sie herum oder über kurvenreiche Pässe fahren muss. Und kaum ist man oben angekommen, gehts dahinter wieder steil hinunter. Ich liebe das ja, aber wer mit Spitzkehren und Hochstraßen nicht zurecht kommt, sollte folgende Strecke meiden:
Kehren sammeln
auf kurviger.de
Die ersten paar Kilometer nach dem Start in Spondinig sind wenig spektakulär: Es geht geradeaus bis nach Prad am Stilfser Joch. Hinter dem Ort allerdings verengt sich das Tal des Suldenbachs zügig, die SS 38 lehnt sich an die steile und finstere linke Bergflanke.
Im Örtchen Stilfserbrücke wechseln wir die Talseite, überqueren graues Gletscherwasser. Um den von den Bergen stürzenden Steinen eine Landung im Wasser zu ermöglichen, hat man hinter Gomagoi eine Schutzgalerie an den Berg gebaut. Kaum ist dieses Betonmonster durchfahren, wartet Kehre 48 auf uns: ein tückisches Ding. Geht hart und sich zuziehend nach rechts, steigt dabei an und verengt sich fies. Tiefe Kratzspuren im Asphalt erzählen von aufsetzenden Bussen, dunkel glänzen die Flecken von ausgelaufenen Motorrad-Tanks, orangefarben schimmern Blinker-Bruchstücke in der Sonne.

Foto: Moppetfoto.de
Kehre 47, eine breite, übersichtliche Links, folgt wenige Meter später. Der unspektakuläre Anstieg bis Trafoi erlaubt noch etwas Entspannung. Dabei lohnt sich der Blick in die Bergwelt, die sich vor dem Vorderrad öffnet – mächtige Felsriesen mit Schneefeldern, die im Frühjahr bis ins Tal reichen.
Am Dorfausgang wartet Kehre 46. Wer diese verpasst, findet sich im Hotel „Schöne Aussicht“ wieder, das vom Ski-Olympia-Star Gustav Thöni und seiner Familie geführt wird. Sollte Valentino Rossi mal ein Hotel übernehmen wollen – dieses Haus ist perfekt!

Auch das nächste Eck führt bei Missgeschicken in ein Hotel – bis hierher kann also wenig schief gehen. Trafoi mit der einsam in der Wiese stehenden Kirche und dem besuchenswerten Haus der Natur „naturatrafoi“ liegt nun hinter uns und dunkler Wald öffnet sich. In ihm nimmt die Breite der Straße gefühlt um die Hälfte ab.
Ängstliche Naturen haben jetzt noch die Möglichkeit, links abzubiegen und sich zum Wallfahrtsort „Drei Brunnen“ zu retten. Alle anderen begeben sich in die
Folterkammer für
Kupplungshand und Nackenmuskeln
Kleine Anekdote: In der nächsten Kehre sah ich seinerzeit vier Motorräder liegen – einsamer Rekord in 30 Jahren Joch-Fahren. Hauptdarsteller dieser Szene waren zwei Großenduros, ein Naked-Bike und ein Chopper – eine Maschine fiel vor der Kehre, zwei in, eine danach:
Der Fahrer von Maschine Eins fuhr die Kehre viel zu eng an, berührte rechts den Randstein und fiel über diesen ins Gras. Der Fahrer von Maschine Zwei wendete in einem Anflug von Hilfsbereitschaft mitten in der Kehre und stellte sein Motorrad talwärts ab. Er hätte mal besser einen Gang eingelegt, denn kaum von der Maschine gestiegen, rollte, fiel und und rutschte diese materialmordend zu Tal. Der Fahrer der Maschine Nummer Drei sah sich aller Wege durch die Kehre beraubt, zog forsch an der Bremse und fiel langsam um. Die Fahrerin der Maschine Vier ließ angesichts dieses Motorrad-Bowlings den Lenker los, sprang elegant vom fallenden Motorrad und brüllte in Richtung Fahrer Nummer Zwei:
Ich hab‘ Dir doch gesagt,
ich fahr‘ da nicht hoch!
Ich fühlte mich glänzend unterhalten. Eine Stunde später begegneten mir die Vier auf dem Pass wieder – ich hatte inzwischen zu Mittag gegessen. Mit eisernem Willen haben sie ihr Vorhaben durchgezogen, weitere Dramenanzahl unbekannt, Anekdote Ende.
Die nächsten Kurven haben wenig Grip, sogar Harleys schaffen hier Drifts. Selbst ausprobiert. Man quert eine lichte Lawinen-Schneise (die ich mit der Supermoto hoch-, aber leider nicht mehr runterfahren konnte) – je nach Untersatz entweder auf dem Knie oder auf dem Trittbrett – und wühlt sich danach durch superenge, dann wieder unwirklich breite Serpentinen. Spitzkehre reiht sich an Spitzkehre, mehr als den 3. Gang braucht man selten.
Beim „Weißen Knott“ werden die Bäume dürrer und weniger. Fleckiger Asphalt wechselt sich mit Bodenwellen und glattgebremsten Betonplatten ab, neu gebaute Begrenzungsblöcke aus Bruchstein und Beton beißen sich mit der 200 Jahre alten Stützmauer. Murmeltiere schaufeln eifrig Sand und Steine vor die Räder, über dem Geschehen kreisen majestätisch Bartgeier.

Das Motorrad kippt in alle Richtungen und trifft doch immer genau die eine Unruhe ins Fahrwerk bringende Unebenheit. Der Nacken hats beim Blick um die Kehren schwer, es gibt selten Gelegenheit zum Verschnaufen – auf den wenigen Parkbuchten steht meist schon wer.
Ab Franzenshöhe öffnet sich dann der große Blick auf das Straßenwundermeisterwerk. Ich frage mich immer wieder, wie man es zwischen 1820 und 1825 geschafft hat, in dieser unwirtlichen Gegend derartige Mengen an Baumaterial zu beschaffen, die Straße aus dem steilen Fels zu schälen und das ganze Jahr über befahrbar zu halten.
Eine
unglaubliche Leistung

Langsam wandelt sich der Berg zu blankem Stein. Dennoch wachsen immer noch Pflanzen im Fels – ich glaub, er nennt sich Gletscherhahnenfuß. Im Nationalpark-Haus „naturatrafoi“ wüsste man es ganz genau. Einzelne Schneefelder überdauern den Sommer und entlassen Rinnsale über den Asphalt. Über Nacht wirft der Berg mit Geröll. Je kleiner die Kehrenzahlen werden, desto steiler wird die Wand. Da kann der Platz schon mal ausgehen …

Die von Fahrrad-Enthusiasten auf die Straße gepinselten Restkilometer-Werte kündigen das Nahen des 2760 Meter hohen Jochs an. Im Bratwurst-Dampf und Sauerkraut-Nebel gibt es selbstpfeifende Stofftiere zu kaufen, einheimische Säuferhüte aus chinesischer Wolle und Polenta mit ganzjährig frischen Pfifferlingen – der wahrscheinlich höchstgelegenste Zirkus wo gibt. Kolossal hässliche Betonbauten aus den 1960ern mit verblichenen Schriftzügen an den Wänden widerrufen jede Einladung zum Verweilen – schnell weg hier, schön ist anders.
Abwärts,
nach Bormio
Die Straße führt rasch in die Tiefe, nächstes Ziel ist Bormio, bekannt auch aus der Ski-WM. Das Tal öffnet sich – wir halten uns links, rechts ginge es in die Schweiz. Mit jeder weiteren Haarnadel holt sich das Grün wieder etwas Landschaft zurück, Wasserfälle rauschen ins Tal, bizarr verbogene Steinschichten ragen in den Himmel, der Berg bekommt Löcher mit LED-Beleuchtung. Früher war spontan auftretender Gegenverkehr im einspurigen Felsenloch sehr anregend. Heute sieht jeder Wohnmobiler beim Zurücksetzen mehr im Rückspiegel.

Alles wirkt trockener, steppenhafter, südländischer. Beeindruckende Geröllhalden, die bei Starkregen schon mal abrutschen und die Straße verlegen, begleiten den Weg nach unten. Anstelle von gemauerten Begrenzungssteinen gibts rostige Leitplanken, dafür ist der Straßenbelag besser. Die italienischen Motorrad-Jungs tragen mehrheitlich Jeans. Der Eindruck, dass hier alles ein wenig lässiger gesehen wird, lässt sich nicht vermeiden.


Nach 34 Kehren, einer Handvoll Tunnel, zauberhaft in den Berg geschnittenen Kurven und tiefen Blicken in die Braulio-Schlucht ist der Spaß vorbei, Bormio ist erreicht. Es italienert sehr, das Flair zwischen den Skihotels und uralten Steinhäusern ist komplett anders als im nicht mal 50 km entfernten Vinschger Apfelgarten.

Hoch zu den Seen –
im Valdidentro
Nach einer kurzen Fahrt durch das Valdidentro zweigen wir irgendwo im Gestrüpp auf ein unauffälliges Sträßchen ab. Die flachen Kehren fühlen sich ungewöhnlich an, die Bäume riechen intensiv und nadelig, die Arbeit mit dem Motorrad wird wieder herausfordernder.


Am Ende des Anstiegs erheben sich zwei Türme: Die Torri di Fraele, Überbleibsel einer Zollstation für den Warenverkehr in die Schweiz. Von hier bietet sich ein wunderbarer Blick auf die soeben befahrene Straße und das Valdidentro.
Es geht unbefestigt durch eine auf den ersten Blick noch unberührte Landschaft. Ein tiefblauer See, der Lago Scale, taucht aus dem Nadelwald auf, und wenig weiter stehen wir vor einer riesigen Staumauer – der Diga di Cancano, die den gleichnamigen See in Zaum hält. Im urigen Rifugio Monte Scale nahe am Wasser gibt es die besten mir bekannten Pizzoccheri.

Rund um den Cancano-See schlängeln sich zahlreiche Schotterpfade – an seinem Ende ragt eine weitere Staumauer, die Diga di San Giacomo, empor. Beeindruckend, diese riesigen technischen Gebilde im Hochgebirge, geschaffen in unzähligen Mann-Stunden und wahrscheinlich unter desaströsen Bedingungen. Wer passendes Reifenmaterial auf seinen Felgen hat, findet hier einen unterhaltsamen Spielplatz; wer Besinnlichkeit sucht, findet diese in den Kapellen im Wald.


Bis hierhin waren es knapp 100 Spitzkehren, genossen in ca. 1,5 Stunden Fahrzeit – ein kurzweiliges Sammeln von Kehren, Schräglagen und Ausblicken. Der Weg zurück könnte mit der Fahrt durch das Valfurva und über den Gavia-Pass, einer weiteren Traumstraße, verlängert werden – aber das ist eine andere Geschichte.
Kehren sammeln ist in meiner Heimat also sehr einfach – los, mach‘ mal mehr als 200 draus!
… und jetzt habe ich noch mehr Vorfreude auf unsere Tour im Juni! Juhuuu!
Ha! Das ist ja cool – freue mich schon auf das gemeinsame Kehrensammeln!