
Ein Ritual? Ja, die Tradition will es so. Mindestens einmal im Sommer fahre ich früh morgens um Fünf auf das Stilfser Joch. Dann herrscht dort oben noch Stille und Einsamkeit, die Stimmung ist magisch. Komm mit, ich erzähl Dir davon.


Es ist noch mitten in der Nacht, aber doch schon fast zu spät. Meine Augenlider wollen sich nicht voneinander lösen, dem Wecker ist das einerlei. 4:00 Uhr früh, draußen ist es stockdunkel und leise, Laas schläft tief und fest – aber ich habe etwas vor. Die Kaffeemaschine muss aus bleiben, ein Energy-Drink ersetzt das heiße Koffein. Zum Frühstück finde ich ein paar Mandeln, zermahle sie zwischen den Zähnen, während ich in die Thermo-Unterwäsche schlüpfe. So leise es mit den Motorrads-Stiefeln eben geht, schleiche ich vier Stockwerke tiefer in die Garage.
Es ist wieder Zeit.
Es ist wieder ein Morgen für mein Ritual.
Ich schiebe den schwarzen Superduke auf die Straße. Zum Glück ist das Beast von KTM ein Leichtgewicht – den fetten, basslastigen Motor in der Garage zu starten, würde diverse Alarmanlagen der geparkten Autos auslösen. Das möchte ich um die Uhrzeit eher vermeiden. Augenblicke später rolle ich mit wenig Drehzahl durch das immer noch schlafende Marmordorf.
Es ist feucht auf dem Asphalt, und es ist kühl – in der ersten Kurve versetzt es den Hinterreifen beim Gasanlegen. Jetzt bin ich hellwach. Der Superduke hätte ja eigentlich eine Traktions-Kontrolle – aber die ist, für den Supermoto-Spaß, deaktiviert.
Frisch getankt,
frisch ans Werk.
Auf zum Tankstop. Ampeln blinken noch gelb, die Bahnübergänge sind frei. Benzindämpfe steigen mir scharf in die Nase, beim Ausatmen beschlägt das Helmvisier heftig. Aber ich werde es in der nächsten halben Stunde eh nicht mehr schließen.

Früh übt sich
5:00 Uhr früh und 18°. Trotzdem ist der Fahrtwind kalt. Er schmerzt an den Zähnen, zieht in die Jackenärmel. Es geht durch Prad, den tobenden Suldenbach entlang und durch die ersten Kurven. Es ist noch ein vorsichtiges Tasten, ein Suchen und Korrigieren der Linie, ein sehr viel aufmerksameres Fahren als abends auf durchgewärmtem Asphalt.
Die schwarz glänzende Linie unter dem Scheinwerferlicht macht es nicht einfacher – hier ließ wohl jemand unfreiwillig Öl und Wasser, und dieser Jemand benötigte bis zur ersten Brücke über den Suldenbach, um das Malheur zu merken.
Ich lade die 1290er durch – wie spontan und heftig sich dieses Motorrad durch die Gegend feuert, ist nicht nur jedes Mal ein Genuss, sondern auch jedes Mal unglaublich. Das hat etwas von Drogen – man hat lange Respekt davor, aber kaum hat man das erste Mal davon probiert, will und braucht man es immer öfter, immer mehr.
Es schießt mich durch Gomagoi und an der alten Festung vorbei. Den querenden Fuchs rettet die Bremse – für mich gibt das die Möglichkeit eines Dunkel-Wheelies in Richtung Trafoi. Gewöhnungsbedürftig, die Fahrbahn, die man einrädrig hinter sich lässt, nicht zu sehen.
Dunkel-Wheelie
in Richtung Trafoi
Nebelschwaden schleichen sich vom Bachbett empor und zerstäuben unter der KTM. Das schwach in der Ferne blinkende Rot entpuppt sich als Rücklicht eines Radfahrers, der vermutlich auch ein Ritual erledigt. Im Hotel Tannenheim brennen die ersten Lichter – passend zu den heller werdenden Bergspitzen im Rückspiegel und dem durchdringenden Duft aus der Trafoier Backstube. Der Tag beginnt mit dem Tanz durch die 46 verbleibenden Stelvio-Kehren.
Im Kurvengewürm schraube ich mich nach oben. Der Vorteil der Nacht – Entgegenkommendes ist ebenfalls früher zu erkennen – wird vom Nachteil der Nacht, der Finsternis, wieder kassiert. Meine über viele Jahre hinweg aufgebaute Streckenkenntnis lässt sich vom nur mäßig leuchtenden Scheinwerfer nicht beeindrucken – ich kenn mich hier mittlerweile gut aus.
Zwangspause
auf dem Weg nach oben
Ich schwinge mich nahe der Felswand um ein schnelles Eck und blicke in nervös blinkende Warnlampen, grelle Scheinwerfer, riesige Staubwolken, Baumaschinen und ein aufgeregt herumspringendes neon-oranges Männlein, das mir eine rote Kelle entgegenfuchtelt. 5:25 Uhr, auf knapp 2.000 Metern Meereshöhe, und es wird an den legendären Stützmauern der Straße gebaut! Damit habe ich nicht gerechnet.

Nutze den Tag, vor allem bei einer Zwangspause
Je höher ich komme, desto höher drehe ich den Motor. Unfassbar, mit welcher Kraft der V2 Ross und Reiter aus den Kehren drückt und wie besessen der Motor zu Werke geht. Unfassbar, welche Belastungen das Fahrwerk verdaut, unfassbar, welche Kräfte am Hinterreifen zerren. Selten komme ich weiter als in den dritten Gang, zu schnell fliegen die Bremszonen heran, in denen dann Brembos Gute Geschwindigkeit rausnimmt wie eine gezielt in die Speichen geworfene Stahlwelle.
Unfassbar …
Noch weniger fassbar als die schiere Potenz der KTM ist das kinderleichte Dosieren dieser Kraft. Weder spülen mich die Drehmoment-Wogen in die steinigen Mauern noch zeigt das Vorderrad permanent in den Himmel. Alles ganz easy, halt wesentlich schwungvoller als früher.

Unfassbare Power: die KTM 1290 Superduke R
Am Ende ––beim Parken hinter dem Alpengasthof Tibethütte – senkt sich trockener, uralter Bergstaub über die Schwarze. Der Geruch von verbranntem Kettenfett, heißem Auspuff-Stahl und zerbröseltem Reifengummi steigt von der Maschine auf, knisternd atmet die Superduke durch die Tankentlüftung aus. Ich mache mich auf die Suche nach einem gemütlichen Plätzchen im Fels: für mein Ritual und das kommende Schauspiel und die magischen Momente.

Ich mach‘ mich bereit.

Der Himmel wird farbig …

Die Nebel im Tal wabern …

Nur noch einen Moment …

Die Sonne kommt

Dieser Moment ist magisch

Die Sonne steht ihr gut.

Leider nicht mehr im Fuhrpark: die KTM 1290 Superduke R

Morgens aufs Joch – Mein Ritual.
7:00 Uhr früh. Der ausgekühle V2 zerreißt die Ruhe auf 2.800 Metern Höhe – ich versuche, so leise wie möglich wieder ins Tal zu gelangen.
Bis
zum nächsten Mal!
Bestens dazu passend:
Inside Stilfser Joch: Vor neun, nach vier
Gemeinsam auf das Stilfser Joch
Stilfser Joch – Zähl‘ von 1 bis 10!
Viel Spaß beim Betrachten!
Hallo Jürgen, DlzG.
ein Kumpel hat mich mal vor längerer Zeit auf die Idee „Sonnenaufgang auf dem Stilfser Joch“ gebracht.
Ich selber wohne in Süddeutschland, da meine Eltern aber aus Sulden kommen, hab ich eh ne Affinität zu der Gegend und bin das Joch schon ein paar Mal (allerdings tagsüber und mit Kumpels) gefahren.
Bisher war meine Frau nicht unbedingt dafür, dass ich alleine mehrtägige Touren fahre und ich habe das respektiert. Jetzt hat sie aber ein Einsehen 😉 und ich werde diese Sache entweder nächstes oder übernächstes Jahr angehen. Ich werde dann ein paar Punkte dort anfahren, wo ich meine halbe Kindheit in den Ferien verbracht habe, aber das Joch im Morgen anfahren und den Sonnenaufgang dort oben erleben, steht gaaaanz oben auf der Agenda.
Dein Bericht ist soooo super geschrieben und mit Emotionen gespickt, die mich nun total anfixen. Grundsätzlich wird es dennoch anders werden, da es für mich neu ist, alleine ne größere Tour zu fahren und ich auch ich mit nem anderen Bike unterwegs bin als du. (Ich fahre ne Yamaha XV 1600. ;-D ) , was dem Ganzen aber kein Abbruch tut.
Ich freu mich auf jeden Fall durch deinen Bericht NOCH MEHR, auf das Ganze!!!
Vielen Dank!
Ich berichte dann, wie es war!!
Gruß Klaus
Hey Klaus!
Ich freue mich sehr über Deinen ausführlichen Kommentar – Vielen Dank! Das klingt nach einem guten, lang gewünschten Projekt – mach das unbedingt! Das Motorrad ist dabei ganz nebensächlich – ich hab das auch schon mit meinem Road King gemacht.
Bin gespannt, was Du erzählen wirst. Ride safe!
Jürgen