Elektromotorräder – Faktencheck in den Alpen

Fakten zu Elektromotorrädern: Wir suchen sie auf einer Ausfahrt mit der Zero DSR/X 17.3 und meinem Road King von Harley-Davidson
Lesedauer // Reading time: 19 Min.

Mythenreich, vieldiskutiert und eine Geschichte voller Missverständnisse: das Fahren mit Elektromotorrädern. Die Experten am Social Media-Stammtisch meinen zu wissen, dass Touren in den Alpen damit, wenn überhaupt, nur im Schneckentempo und mit ewig dauernden Ladepausen möglich seien. Es ist Zeit, ein paar Fakten einzufahren.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Wie weit kommt ein modernes Elektromotorrad in den Bergen? Wie wirken sich Steigungen auf die Reichweite aus? Welche Kosten entstehen? Und vor allem: Macht das überhaupt Spaß?

Wir wollen
 es genau wissen

Antworten auf diese Fragen suchen mein Freund Ralf (hier sein Instagram-Profil) und ich auf einer Datensammlungs-Fahrt durch das magische Rätische Dreieck.

Unsere „Teststrecke“ (Link auf Kurviger) führt durch den Vinschgau in Südtirol, das Obere Gericht in Nordtirol und das Schweizer Unterengadin mit Abstechern in die höher gelegenen Orte Tschlin (1), Sent (3), Lü (4) und Tanas (7). Sie bietet so eine Mischung aus flachen und schnellen Abschnitten, kurzen und steilen Rampen sowie engen Serpentinen und Ortsdurchfahrten – also alles, was eine Motorradtour ausmacht. Einzig Ralfs geliebte Offroad-Passagen fehlen.

Ralf fährt auf dieser Tour seine Zero DSR/X. Um den Vergleich mit einem „richtigen Motorrad“ (sic!) ziehen zu können, begleite ich ihn auf meinem Road King von Harley-Davidson.

Fakten über Elektromotorräder: Die Übersicht der Tour (ScreenShot: www.Kurviger.de)
Unsere Tour führt durch Italien, Österreich und die Schweiz

Wir sind uns sicher, die Tour mit einer Akkuladung zu schaffen – dennoch haben wir die meisten an der Route liegenden Ladepunkte am Ende dieses Blogs aufgelistet.

Das
 sind wir

Ralf (Kretz) ist ein Westallgäuer Abenteurer und lebt für das Motorradfahren. Mit seiner Zero DSR/X cruist er über die kurvigen Straßen des Allgäus und durch den Bregenzerwald. Er liebt enge Serpentinen, atemberaubende Ausblicke und die Freiheit auf zwei Rädern. Das souveräne Ansprechverhalten und der gnadenlose Punch der Zero begeistern ihn jedes Mal. Neben Asphalt zieht es ihn zu Offroad-Trainings und On- und Offroad-Veranstaltungen, wo er seine Leidenschaft auslebt. Ralf fährt gelassen, präzise, immer im Einklang mit der Landschaft.

Ich, Jürgen (Theiner) fahre, schreibe und fotografiere seit über 30 Jahren Motorrad. Mit 20 war es mein Traum, Motorradarbeiter zu werden, mit 50 habe ich ihn mir erfüllt. Mein Fahrstil kann vieles sein – seit ich Harley und Zero fahre, hat er sich von knieschleifend-gebückt hin zu aufrecht sitzend und landschaftsgenießend geändert. Mein Revier sind die Pässe in und rund um Südtirol, ich mag die schnellen Kurven, ich mag die engen Kurven, ich mag die steilen Kurven – ich mag das Motorradfahren.

Die
 Motorräder

Ralfs DSR/X ist Baujahr 2023 und verfügt über Zeros aktuell größten Akku mit 17,3 kWh (Kilowattstunden, siehe Glossar) Kapazität. Davon sind 15,6 effektiv nutzbar. Ralf fährt gerne im Gelände, daher rollt seine Maschine auf grobstolligen Enduro-Reifen von Mitas.

Mein Road King ist aus dem Jahr 2013, hat einen Tankinhalt von 22,7 Litern und wiegt lustige 380 kg. Die Maschine ist für mehr Schräglagengaudi fahrwerksseitig umgebaut und wegen der Klappen-Auspuffanlage softwareoptimiert. Will heißen: Fetter abgestimmt.

Zero DSR/XHarley-Davidson Road King
Baujahr20232013
Laufleistung22.400 km18.300
Kapazität Akku / Tankinhalt *17,3 kWh / 15,6 kWh22,7 l
Gewicht fahrbereit *247 kg380 kg
Reifentyp vorne / hintenMitas Enduro Trail+Metzeler
Reifendruck vorne / hinten2,2 / 2,6 bar2,5 / 3 bar
Maximales Drehmoment *225 Nm135 Nm
Maximale Leistung *75 kW64 kW
* Herstellerangaben

Der
 Ablauf

Wir starten mit vollgeladenem Akku bzw. vollem Tank und korrekten Reifendrücken. Wir fahren zügig, aber im Rahmen der Straßenverkehrsordnung und hauptsächlich innerhalb unserer finanziellen Möglichkeiten. Schleichfahrten, die verbrauchsrelevant werden können, vermeiden wir, denn bei Bedarf stehen an der Strecke genügend Ladepunkte zur Verfügung. Als Ortskundiger gebe ich das Tempo vor und plane die Foto-Stopps.

Vor bzw. nach jeder längeren Steigung notieren wir die wesentlichsten Fahrdaten. Wegstrecke, Kilometerstand, SoC, Momentanverbrauch, Meereshöhe und Temperatur erheben wir über das Zero-Display, Scenic und eine Wetter-App. Ein WingMan zeichnet die Fahrt auf, Calimoto läuft als Fallback mit. Am Ende der Tour laden bzw. tanken wir erneut voll und ermitteln so die Strom- und Kraftstoffkosten.

Die Auswertung dieser Daten soll dann Aufschluss über den Verbrauch in der Ebene, an Steigungen, bei niedriger und bei artgerechter Geschwindigkeit geben.

Fakten über Elektromotorräder: Daten, Notizen und Infos zur Verbrauchsfahrt
Daten, Informationen & Notizen

Die Ergebnisse
 in Kürze

Zurückgelegte Strecke *190,3 km
Dauer | Reine Fahrzeit *05:42 h | 03:54 h
Ladestopp | Ladedauer0 | 0 min
Durchschnittsgeschwindigkeit *48,6 km/h
Höhenunterschied *↑ 4104 m | ↓ 4096 m
VerbrauchZero: 13,6 kWh | Harley: 10,6 l
Durchschnittstemperatur 10,2 °C

* Datenbasis: RideLink WingMan

Anmerkung 1: Eine Fahrzeit von ≈ 4 Stunden für 190 Kilometer klingt nach Schleichfahrt. Dem ist aber nicht so, die kleinen Straßen nach Tschlin, Lü und Tanas haben den Schnitt gedrückt. Auf einer typischen Alpenstraße sind 45–50 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit realistisch.

Anmerkung 2: Die Daten zum Höhenunterschied sind uns ein Rätsel. Die Routenplanung von Kurviger errechnete 6162 m, Scenic zählte unterwegs 3950 m, der WingMan erfasste 4104 m. Bei der Auswertung verwenden wir die Daten vom WingMan.

Der WingMan schrieb die Kleinigkeit von 14.000 Wegpunkten – jeder mit Zeitstempel, GPS-Position, Geschwindigkeit und Meereshöhe. Damit haben wir unsere Pi mal Daumen-Werte validiert und ergänzt. Die GPX-Datei des WingMan und die angereicherten Fahrdaten sind unter Downloads zu finden.

Nachstehend die leserliche Tabelle unserer handschriftlichen Notizen:

WegstreckeSoCWh/kmMeereshöheTemperatur
Laas (IT)0 km110 %0879 m10 °C
Schluderns (IT)13 km106 %55921 m8 °C
Reschen (IT)36 km90 %781502 m6 °C
Norbertshöhe (AT)48 km85 %861409 m9 °C
Martina (CH)54 km86 %821040 m10 °C
Tschlin (CH)64 km78 %871500 m11 °C
San Niclà (CH)70 km78 %821085 m11 °C
Crusch (CH)81 km72 %841245 m12 °C
Sent (CH)83 km71 %831430 m12 °C
Zernez (CH)116 km54 %811474 m11 °C
Il Fuorn (CH)139 km34 %842143 m7 °C
Lü (CH)157 km30 %821930 m7 °C
Müstair (CH)165 km30 %771244 m12 °C
Schluderns (IT)182 km24 %74921 m14 °C
Tanas (IT)195 km13 %761461 m10 °C
Laas (IT)203 km14 %73872 m15 °C

Tabelle 1: Die Unterwegs-Datensammlung

Anmerkung 1: Die schrägen 110 % SoC (State of Charge, siehe Glossar) sind eine Zero-Eigenheit und entsprechen den nutzbaren 15,6 kWh. Als „gesunden“ SoC im Alltag empfiehlt Zero 100 %. Die zusätzlichen 10 % können bei erhöhtem Reichweitenbedarf aktiviert werden. Diesen Bedarf hatten wir.

Anmerkung 2: Der feinfühlige und mit Sensoren vollgestopfte WingMan erfasste eine Wegstrecke von 190,3 Kilometern, Kurviger errechnete bei der Planung 188 Kilometer. Offensichtlich weicht der Wegstreckenzähler der Zero um +6,8 % ab.

Anmerkung 3: Der Rest-SoC von 14 % wäre für weitere 30 Kilometer und 700 Höhenmeter gut gewesen – das entspricht der Strecke von Martina über Tschlin nach Crusch.

Fakten über Elektromotorräder: Equipment en masse
Equipment en masse: SmartPhone, Navi und (versteckt) WingMan

Verbräuche
& Kosten

Die Zero verbrauchte 13,6 kWh (8,2 €), die Harley 10,6 Liter Benzin (19,0 €). Um die Verbräuche vergleichbar zu machen, rechnen wir den Energiegehalt von 1 Liter Benzin in kWh um. Im Haushalt werden Strom, Gas, Warmwasser und Heizung schließlich auch in kWh abgerechnet.

Das Benzinäquivalent (siehe Glossar) beträgt 8,8 kWh/Liter. Der Verbrauch der Zero entspricht also dem Energiewert von ≈ 1,5 Liter Benzin, der Verbrauch der Harley 93,6 kWh. Überraschung: Das sind ≈ 588 % mehr.

KapazitätVerbrauchVerbrauch in kWhWh/km
Zero15,6 kWh96 % (von 110 %)13,671,5 
Harley-Davidson 22,7 l10,6 l93,6*491,9
* Benzinäquivalent: 8,8 kWh, alle Werte gerundet

Mit anderen Worten: Obwohl die 5,6 Liter/100 km für die mit Fahrer ca. 500 kg schwere Harley objektiv nicht viel sind, verbraucht der amerikanische Riesen-V2 auf derselben Strecke mehr als sechsmal (!) so viel Energie wie die DSR/X.

Noch Fragen zur Effizienz eines Elektromotors?

Die Zero wurde mit relativ teurem Ladestrom meines Anbieters VION (0,60 €/kWh) geladen. Der klangstarke Spaß auf der Harley-Davidson kostete trotzdem mehr als doppelt so viel. Hätten wir die DSR/X in meiner Garage am Schuko-Stecker geladen – also mit meinem günstigen Haushalts-Tarif –, wäre die Harley-Fahrt sogar sechsmal teurer geworden.

Wir beginnen
 zu rechnen

VerbrauchPreis pro EinheitGesamtkosten
Zero DSR/X (VION-Ladesäule)13,6 kWh0,6 €/kWh8,2 €
Zero DSR/X (VION-Haushaltsstrom)13,6 kWh0,2 €/kWh3,3 €
Harley-Davidson Road King10,6 l1,8 €/l19,0 €

Alle Werte gerundet
Fakten über Elektromotorräder: Wie war das nochmal mit der Prozent-Rechnung?
Wie ging das nochmal mit der Prozent-Rechnung?

Können wir den Mehrverbrauch der DSR/X am Berg berechnen? Dafür erheben wir den „Basis-Verbrauch“ im Flachen auf Strecke X und ziehen ihn vom höheren Verbrauch auf einer ähnlich langen, aber ansteigenden Strecke ab.

Das ist zwar weniger eine belastbare Rechnung denn eine Annahme. Weil: Am Berg kann zwar gleich schnell wie im Flachen gefahren werden, das energieraubende Beschleunigen aus Kehren oder Änderungen des Gefälles werden in der Rechnung jedoch nicht berücksichtigt.

Wie dem auch sei. Den flachsten Abschnitt unserer Tour finden wir zwischen Laas und Schluderns. Auf 11 km messen wir einen Höhenunterschied von 40 m und einen SoC-Verbrauch von 4 %. Das entspricht 624 Wh. Diesen Wert teilen wir durch die Distanz.

Hinweis: Der Einfachheit halber rechnen wir in Wattstunden (Wh).


15.600 Wh x 4 % = 624 Wh

Wir rechnen den Verbrauch von 4 % SoC in Wh um


624 Wh / 11 km = 56,7 Wh/km

Wir errechnen den Wh-Verbrauch pro Kilometer

Pro Kilometer verbraucht die DSR/X also 56,7 Wh. Plausibel – beim Stopp in Schluderns haben wir auf dem Zero-Display einen Wert von 55 Wh/km gelesen (siehe Tabelle 1). Übrigens: Bei diesem Verbrauch würde die Akku-Kapazität von 15.600 Wh für ca. 275 km reichen.


Wir lernen:
Im Flachen gilt ein Basis-Verbrauch von ≈ 57 Wh/km.

Eine ähnlich lange Strecke, allerdings mit 6 % Steigung, liegt zwischen Schluderns und Tanas (11,2 km). Dort hat die Zero 11 % SoC verbraucht. Wir machen die gleiche Übung nochmals:


15.600 Wh x 11 % = 1.716 Wh

Wir rechnen den Verbrauch von 11 % SoC in Wh um


1.716 Wh / 11,2 km = 153,2 Wh/km

Wir errechnen den Wh-Verbrauch pro Kilometer

Am Berg errechnen wir einen Verbrauch von 153,2 Wh/km. Übrigens: Bei diesem Verbrauch würde die Akku-Kapazität von 15.600 Wh nur noch für ca. 102 km reichen. Von den 153,2 Wh/km ziehen wir nun den Basis-Verbrauch von 57 Wh/km ab. Ergebnis: ≈ 96 Wh/km.

Fakten über Elektromotorräder: Diagramm der Strecke von Schluderns nach Tanas
Steil bergauf: 11 Kilometer von Schluderns nach Tanas

Für die DSR/X ergibt sich also ein Berg-Zuschlag von ≈ 96 Wh/km. Zur Validierung betrachten wir die Strecke von Zernez auf den Ofenpass (23 km), berechnen den theoretischen SoC-Verbrauch und vergleichen ihn mit unseren Notizen.


153 Wh/km x 23 km = 3.496 Wh

Wir errechnen den Wh-Verbrauch auf 23 km (ansteigend)


(3.496 Wh / 15.600 Wh) x 100 = 22,4 %

Wir errechnen den prozentuellen Anteil an der Gesamtkapazität

Theoretisch zieht diese Strecke ≈ 3.500 Wh, also 22,4 % der Gesamtkapazität von 15.600 Wh aus dem Akku. Wir haben auf unserer Fahrt effektiv 20 % SoC verbraucht (siehe Tabelle 1). Grund: Die Steigung von Zernez zum Ofenpass ist im Schnitt um 2 % geringer als von Schluderns nach Tanas. Die Berechnung des Berg-Zuschlags ist also plausibel.


Wir lernen:
Am Berg gilt ein Zuschlag von ≈ 96 Wh/km.

Annahmen
& Spazierendenken

Mal angenommen, die Fahrt der Harley hätte nur gleich viel kosten dürfen wie die der Zero – also 8 € (siehe Verbrauchstabelle). Dafür gibt es ≈ 4,5 Liter Benzin, und damit kommt die Harley 85 Kilometer weit. Das bedeutet: Nach dem Start in Laas würde der Road King spätestens in Sent stehen bleiben. Ein wunderschöner Ort mit Ladepunkt, aber leider ohne Tankstelle …

Fakten über Elektromotorräder: Pause in Sent, nach 85 Kilometern
Pause in Sent, nach 85 Kilometern

Mal angenommen, die DSR/X sollte gleich weit fahren wie die vollgetankte Harley. 23 Liter Benzin ermöglichen dem Schwergewicht 400 Kilometer. Für diese Distanz müsste die Zero unterwegs ungefähr zwei Stunden lang angekabelt werden.

Die Investition in ein aktuell 3.000 € teures, optionales Schnell-Ladegerät würde die Wartezeit um die Hälfte verkürzen. Für 3.000 € könnten auch ≈ 1.670 Liter Benzin verbrannt werden. Wie weit die Harley wohl damit kommt?


3.000 € / 1,8 €/l = 1.666,7 l

Wieviel Benzin gibts für 3.000 € (Preis: 1,8 € pro Liter)?


1.667 l / (5,6 l/km / 100) = 29.762,5 km

Wir dividieren durch den Verbrauch (5,6 l/100 km)

30.000 Kilometer. Ralfs DSR/X müsste für diese Distanz bei einer kontinuierlichen Reichweite von 200 Kilometern 150mal laden. Zeit ist Geld und umgekehrt; mit Schnell-Ladegerät würden 150 Stunden gespart. Das sind immerhin sechs Tage.

Wenn wir schon bei absurder Mathematik sind: Die 1.670 Liter Benzin entsprechen ≈ 14.500 kWh. Damit lädt die DSR/X zwar nicht schneller, fährt aber über 200.000 Kilometer weit.

Wann gehts los?

Rekuperation –
 die Elektro-Magie

Ein faszinierender Teil der Elektro-Magie ist die Rückgewinnung von Energie beim Bergab-Fahren oder Verzögern. Auch wenn Elektromotorräder für richtig heftiges Rekuperieren zu leicht sind, ergibt sich in den Bergen ein netter Effekt – siehe Tabelle 1: Von der Norbertshöhe nach Martina steigt der SoC um 1 %, ebenso auf der Fahrt von Tanas nach Laas. 1 % klingt nach wenig, er kommt allerdings auf die quasi geschenkte Strecke oben drauf.

Fakten über Elektromotorräder: Gleich werden wieder Elektronen gesammelt
Gleich werden wieder Elektronen gesammelt

Die 43 Kilometer vom Ofenpass nach Schluderns ziehen trotz der Fahrt nach Lü (+300 Hm) nur 10 % SoC. Mit dem Basis-Verbrauch von 57 Wh/km gerechnet, würden die Distanz einen Verbrauch von 2,5 kWh oder ≈ 16 % SoC bedeuten.

Noch ein Beispiel: Rund um den höchsten Alpenpass, dem Col de l’Iseran in Frankreich, erreichte meine Zero SR/F 14.4 mit ihrem kleinerem Akku (nutzbare Kapazität: 12,6 kWh) 240 km bei einem Rest-SoC von 10 %. Die Rekuperation auf den langen Rampen des Iseran und des Großen St. Bernhard zahlte beeindruckend auf die Reichweite ein.

Die wegzubremsende Bewegungsenergie fließt also wieder sinnvoll nutzbar in den Akku und nicht in rauchende Bremsbeläge wie an der Harley geschehen.

Fazit
 der Ausfahrt

Die Verbrauchsfahrt verlief völlig problemlos und wie erwartet. Wir lernten: Eine Zero DSR/X erreicht in den Bergen ohne Verrenkungen ≈ 230 Kilometer pro Akku-Ladung, selbst bei kühlen Temperaturen (der Mittelwert lag während unserer Fahrt bei 10,2 °C) und mit groben Stollenreifen. Auch viele (Foto-)Stopps mit energieraubenden Anfahrten aus dem Stand reduzieren die Reichweite nicht nennenswert.

Fakten über Elektromotorräder: Laden? Überall möglich, aber immer seltener nötig
Laden? Überall möglich, auch im verlassenen Lü. Aber nicht nötig.

Rechnet man den Verbrauch eines Verbrenner-Motorrads in kWh um, schockiert die Effizienz der DSR/X; vor allem, wenn man weiß, dass sich die Zero beim Beschleunigen arg zurückhalten musste, um nicht ständig ins Heck der bemühten Harley einzuschlagen.

Und
 der Spaß?

Diese Ausfahrt war von Kilometer 0 bis 190 grandios: Die klare Luft schenkte uns weit reichende Blicke über die Sonnenterrassen des Engadin. Die freien Schweizer Straßen – auf der Ostrampe des Fuorn begegnete uns nur ein halbes Dutzend Autos – bescherten uns einen Motorradflow par excellence. Die ans Licht drängenden Frühlingsboten – blühende Apfelbäume im Vinschgau, Millionen von Krokussen auf den Schweizer Weiden – ließen die winterlichen Temperaturen in den Höhenlagen nur halb so schmerzhaft werden. Eichhörnchen kreuzten unseren Weg, Milane kreisten über uns, Schweizer Mädels boten sich als Fotomodels an.

Weder auf der Harley noch auf der im Vergleich extremst dynamischen DSR/X wurde uns langweilig. Auf einigen Abschnitten waren selbst die auf Schweizer Landstraßen erlaubten 80 km/h herausfordernd.

Fakten über Elektromotorräder: Allegra heißt „Ich freu' mich“
Allegra – „Ich freu‘ mich“

Wir hatten natürlich Spaß. Auch wegen eingesparter Kilowattstunden und sensationell niedriger Kosten, wärmender Motorhitze und dem leisen Surren des am Ende des Tages gerissenen Zahnriemens. Wir hatten Spaß am Unterwegs-Sein in bezaubernder Landschaft, an interessanten Gesprächen und an unserer Freundschaft.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Ergänzende
Links

Glossar
& Infos

  • SoC ist die Abkürzung für „State of Charge“, der aktuelle Energiestand der Batterie eines Elektrofahrzeugs im Verhältnis zur maximalen Speicherkapazität. Der SoC wird üblicherweise in Prozent angegeben: 100 % für eine vollständig geladene, 0 % für eine vollständig entladene Batterie.
  • Kilowattstunde (kWh) gibt an, wie viel Energie der Akku eines Elektrofahrzeugs speichern oder verbrauchen kann. Eine Batterie mit 50 kWh hat die Fähigkeit, Energie zu speichern, die bei einer konstanten Leistung von 1 Kilowatt (kW) für 50 Stunden oder 50 kW für 1 Stunde genutzt werden könnte.
  • Benzinäquivalent vergleicht die Energieeffizienz von Elektrofahrzeugen mit Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren. Es bezieht sich auf die Menge an Energie, die in einem Liter Benzin enthalten ist. Eine Kilowattstunde entspricht etwa 0,09 Litern Benzin, ein Liter Benzin etwa 8,8 kWh (siehe Benzinäquivalent).
  • Typ-2 bezeichnet einen Ladestecker, der in Europa weit verbreitet ist. Der Typ-2-Stecker ist der Standardstecker für Wechselstromladen (AC) gemäß der Norm IEC 62196. Die Zero DSR/X wird über einen Typ-2-Stecker geladen.
  • CCS steht für „Combined Charging System“ und ist ein standardisiertes Steckersystem für das Schnellladen von Elektrofahrzeugen. Es ermöglicht sowohl das Laden mit Wechselstrom (AC) als auch mit Gleichstrom (DC). Die Motorräder von Zero können CCS aktuell nicht nutzen.
  • Bei Wechselstrom (AC, „Alternating Current“) wechselt die Richtung der Stromflusses regelmäßig. In der Elektromobilität spielt Wechselstrom eine zentrale Rolle beim langsamen Laden von Elektrofahrzeugen an privaten oder öffentlichen AC-Ladestationen. Bei Gleichstrom (DC, „Direct Current“) bleibt die Stromrichtung konstant. Er ermöglicht das Schnellladen von Elektrofahrzeugen.

Ladepunkte auf der Route
 (Auswahl, Stand 03.02.2025)

Nachstehend sind einige der auf der Strecke vorhandenen Ladepunkte aufgeführt. Die Liste ist unvollständig, da sie keine Tesla Destination Charger oder Hotel-Wallboxen enthält. Die Ladepunkte liegen selten weiter als 15 Kilometer voneinander entfernt; das Gros bietet 22 kW Ladeleistung per Typ 2-Anschluss – ein Vorteil für unsere Zero-Motorräder. Die für uns nicht nutzbaren Schnell-Lader (CCS) sind grau hinterlegt.

VION Laas
(Kilometer 0)
1 x CCS (75 kW), 1 x ChaDeMo, 1 x Typ 2

Alperia Neogy Spondinig
(Kilometer 7,3)
2 x CCS (100 kW), 1 x ChaDeMo

VEK Schluderns
(Kilometer 11,4)
1 x CCS (75 kW), 1 x ChaDeMo, 1 x Typ 2

Alperia Neogy Mals (Hauptplatz)
(Kilometer 16,2)
2 x CCS (100 kW), 1 x ChaDeMo

Alperia Neogy Mals (Bahnhof)
(Kilometer 16,1)
1 x CCS (75 kW), 1 x ChaDeMo, 1 x Typ 2

VION Graun am See
(Kilometer 32,9)
1 x CCS (75 kW), 1 x ChaDeMo, 1 x Typ 2

Smatrics, Bergbahnen Nauders
(Kilometer 41,7)
6 x Typ 2 (22 kW)

Be.Energised, Martinsbruck
(Kilometer 50)
2 x Typ 2 (22 kW)

Move – Sent
(Kilometer 65)
2 x Typ 2 (22 kW)

Move – Scuol
(Kilometer 69,4)
2 x Typ 2 (22 kW)

Move – Nairs
(Kilometer 70,9)
2 x CCS (150 kW)

SwissCharge – Ardez
(Kilometer 79)
2 x Typ 2 (22 kW)

Shell Recharge – Zernez
(Kilometer 94,7)
1 x CCS (44 kW), 1 x Typ 2 (22 kW)

Plug’n Roll – Zernez
(Kilometer 95,3)
2 x Typ 2 (22 kW)

SwissCharge – Hotel Parc Naziunal
(Kilometer 110)
2 x Typ 2 (22 kW)

Plug’n Roll – Tschierv
(Kilometer 123)
2 x Typ 2 (22 kW)

Plug’n Roll – Valchava
(Kilometer 129)
2 x Typ 2 (22 kW)

Plug’n Roll – Müstair
(Kilometer 134)
2 x Typ 2 (22 kW)

VION Taufers im Münstertal
(Kilometer 136)
1 x CCS (75 kW), 1 x ChaDeMo, 1 x Typ 2

VION Glurns
(Kilometer 145)
1 x CCS (75 kW), 1 x ChaDeMo, 1 x Typ 2

FAQ

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8 Kommentare zu „Elektromotorräder – Faktencheck in den Alpen“

  1. Hallo Jürgen,

    mega Bericht mit klasse Infos und beeindruckenden Berechnungen.
    Weiter oben steht in einem Kommentar geschrieben „…gibt es absolut keinen Grund mehr einen Verbrenner zu bewegen. Außer eventuell Emotionen…“
    Dabei finde ich, dass das Thema Emotionen in deinem Bericht ja so gut wie gar nicht erwähnt wurde, außer bei dem Passus (mega) „…dass sich die Zero beim Beschleunigen arg zurückhalten musste, um nicht ständig ins Heck der bemühten Harley einzuschlagen“
    Ich persönlich finde die Emotionen beim Fahren eines Elektromotorrades noch viel intensiver, als bei einem Verbrenner, aber das sind natürlich individuelle Empfindungen.
    Klasse Bericht, gibt auf jeden Fall dicke 5 Sterne.

    Antworten
  2. Hallo Jürgen!
    Fantastisch ausgearbeitet, der Effizienzgewinn durch Elektromobiltät ist einfach berauschend und überzeugend. Ich verbrauche mit der Honda Innova mit 125 ccm so viel Energie wie ein richtiges Elektro-(heißt Platz für 4 Personen, kann 100 km/H fahren und ist regendicht) Auto auf 100 km. Wenn wir es schaffen die Winterlücke bei der Stromerzeugung zu schliessen gibt es absolut keinen Grund mehr einen Verbrenner zu bewegen. Außer eventuell Emotionen…
    Nochmal herzlichen Dank und viele Grüße

    Maddin

    Antworten
  3. Welch ein toller Artikel! Toll vor allem für mich, da er so anschaulich gezeigt hat, wie es wäre, mit einem solchen E-Motorrad eine Tagesausfahrt zu machen. Anhand der Harley konnten hier gut die Unterschiede aufgezeigt werden. Die wichtigste Erkenntnis erst einmal für mich: Eine Tagesetappe durch die Berge hält die DSR/X locker durch – und das wäre für mich persönlich schon eines der wichtigsten Kriterien überhaupt über ein E-Motorrad nachzudenken, bzw. es in Erwägung zu ziehen als ein Motorrad für mich selber. Hatte ich früher noch von tatsächlichen Reichweiten von nur rund 120km gelesen, war mein Enthusiasmus schnell wieder verflogen. Doch mittlerweile sieht das schon ganz anders aus und es freut mich, dass die Technik hier Fortschritte macht ️
    Vielen Dank auch für die vielen Rechenmodelle und Vergleiche zum benzinbetriebenen ⛽️ Moped ️, was auch die Effizienz der einzelnen System zeigt. – Irgendwann kommt der Wendepunkt und die Vorteile des E-Motorrades werden überwiegen. Zurück bleibt dann nur die Nostalgie.

    Antworten
  4. Danke für den schönen Vergleich.
    Ich habe beide Moppeds … wenn ich die DSR/X in dem Tempo fahre, wie mir die Harley Spaß macht, dann komme ich mindestens 50km weiter als sonst.

    Antworten
  5. Hallo Jürgen, Hallo Ralf,

    das Beschriebene spiegelt genau meine Erfahrungen wieder. Schön und detailliert geschrieben mit wunderschönen Fotos.

    Ich habe in einem Bericht mal folgendes geschrieben:
    Es geht ums Reisen, Schauen, Genießen, Kurven fahren, Beschleunigen, Bremsen und andere Motorradfahrer grüßen. Wie die Kiste angetrieben wird, egal ob Benzin, Diesel, Schleimbatzentechnik oder Strom … ganz egal.

    Genau das spiegelt Euer Fazit wunderbar wieder – „bezaubernde Landschaft, interessante Gespräche und Freundschaft“.

    Vielen Dank für ’s Teilhaben lassen!

    Viele Grüße,
    Sigi

    Antworten

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