
Ich war mir sicher, alle Geheimnisse des Stilfser Jochs zu kennen – schließlich bin ich schon immer auf seinen Rampen Motorrad gefahren. Kürzlich lernte ich allerdings, dass dem bei Weitem nicht so ist: Begleitet von Experten und Neugierigen entdeckte ich meine Hausstrecke neu.


Lange Zeit war mir das Stilfser Joch nicht mal ein Rätsel. Den Namen kannte ich wohl – aber wozu mehr wissen wollen? Natürlich war ich schon mal in Gomagoi, Stilfs und Trafoi, aber da ich weder Wanderer noch Schifahrer oder gar Bergsteiger bin, gab es nie Gründe, weiter in die Höhe zu drängen.
Das änderte sich, als ich mit 20 den Motorradführerschein machte und mir mein Fahrlehrer für die ersten Kilometer wenig befahrene Straßen empfahl. Ich wählte die Seitentäler des Vinschgaus dafür, das Suldental wurde mein Favorit. Sein einfacher Verlauf machte es mir leicht, es herrschte kaum Verkehr, ich war selten ein Hindernis und nie gestresst. Mit jeder Fahrt wurde der Tanz entlang des Suldenbaches schwungvoller.
Was sich hinter Trafoi verbarg, ahnte ich nicht: Wintersperre. Erst im Sommer konnte ich mit dem Kehrensammeln beginnen und die Spielregeln des Jochs erlernen. An die erste Überfahrt habe ich keine Erinnerung mehr, wohl aber an den Verbrauch meines Untersatzes: Mehr als einmal ging mir der Sprit aus.

Wir kamen uns in 30 Jahren nie in die Quere
Das ist nun über 30 Jahre her. Ich erlebte die Ostrampe mit allen möglichen Motorrädern, befuhr die Straße am Limit und in Schrittgeschwindigkeit, quälte mich mit dem Fahrrad hoch. Brenzlige Situationen kann ich nicht abstreiten, aber ich ging nie zu Boden. Der Stelvio war immer gut zu mir und ich war mir sicher, alle seine Geheimnisse zu kennen.
Doch weit
gefehlt
Neben mir im Auto sitzt DIE Stilfser Joch-Koryphäe: Arthur Gfrei. Seine Großeltern führten das Hotel Dreisprachenspitze, er verbrachte seine Kindheit auf den Felsen des Stelvio. Später übernahm er das Hotel Stilfser Joch und war Geschäftsführer der Gletscher-Seilbahn. Mein Freund Alex Milz und ich konnten ihn für unser Filmprojekt gewinnen – und schon im Kreisverkehr von Spondinig beginnt Arthur zu erzählen:
Von dem künstlich angelegten Damm zwischen Spondinig und Prad, als Schutz vor dem zornigen Suldenbach und – netter Nebeneffekt – als Grundlage für den Obstanbau an seinem rechten Ufer. Von der ursprünglichen Idee, die Straße am Agumser Berghang zu bauen. Von in heutiger Zeit unvorstellbaren Verwirrungen der Kirche und ihrer Macht. Von den technischen Schwierigkeiten beim Bau und von der Bauernschläue der Vinschger.
Er benennt auf der Fahrt jede einzelne Serpentine, weist auf überwucherte Fehlbauten im Wald hin. Er erwähnt geologische Besonderheiten, die den Bau vor 200 Jahren nahezu unmöglich machten und stellt meiner Begeisterung für die Straße das Desinteresse der Südtiroler Politik entgegen. Arthur äußert seinen Unmut über falsch, aber wenigstens teuer ausgeführte Sanierungsarbeiten und erklärt, warum die modernen Reparaturen in kürzester Zeit wieder zerbröseln werden.
Ich weiß im Grunde
nichts über das Stilfser Joch
Er spricht mit Blick in die eisfreie Bergwelt der Ortlergruppe nahegehende und mahnende Worte zum Klimawandel, erzählt von den Gletscherwanderungen in den 1960er Jahren – exklusive Touristen-Bespaßung – und erläutert das Gefahrenpotential, das der verschwindende Permafrost im Hochgebirge mit sich bringt.

Unterwegs mit Arthur Gfrei, DEM Stilfser Joch-Fachmann
Arthur berichtet von Katastrophen und Unglaublichem, erklärt politische und wirtschaftliche Zusammenhänge und schmiedet Ideen für die Aufwertung der Straße. Er schüttelt auf der Passhöhe Dutzende Hände, bewegt sich in seinem schon lange verkauften Hotel, als wäre er noch immer Direktor.
So erklärt er mir angenehm subtil, dass ich über die Straße, ihre Entstehung, ihre Blütezeit, ihren schwierigen Momenten, den auf ihr stattgefundenen Dramen und Wundern und dem ganzen Rest rund um Italiens höchsten Pass schlicht und ergreifend NICHTS weiß.
Die Expertise von Arthur Gfrei hebt das bisher aufwändigste Projekt zum Stilfser Joch, an dem ich beteiligt bin – den von Alex produzierten Film „Abseits der Kehren” – auf das nächste Level. Und: Mit dem Wissen, dass jeder Meter der Stilfser Joch-Straße eine Geschichte erzählt, werde ich sie künftig noch bewusster befahren.

- „Die Stilfserjochstraße” von Arthur Gfrei
Athesia-Shop, Hardcover, 45 € - „Das Stilfser Joch im 20. Jahrhundert” von Arthur Gfrei
Athesia-Shop, Hardcover, 39 € - Trailer zum Film „Stilfser Joch – Abseits der Kehren”
Hoi Jürgen,
das Joch .. so lange Jahre ein von mir gefürchteter & gemiedener Ort, kämpfte ich jahrelang doch stets mit meiner Blickführung, dem Gegenverkehr (glücklicherweise ohne jegliche Kontakte) und so wirklich schön, fand ich es da oben ja auch nicht..
Bis ich 2019 zum ersten Mal beim Alpenbollern die Tibethütte kennenlernen durfte. Sie wurde fortan einer meiner Sehnsuchtsorte .. mit der grandiosen Aussicht & vor allem den unglaublichen Sonnenaufgängen
Ein klitzekleines bisschen kenn ich den Stelvio inzwischen ja auch abseits seiner 48 Kehren .. in ungewohnter Stille am Radtag oder zu Fuss über die Hochebene hinter der Garibaldi Hütte hoch zur Rötlspitze .. ein wahrer Traum dort oben .. für mich die grenzenlose Freiheit
Danke für deine Geschichte .. man/frau sollte sich nie bei irgendwas zu sicher sein, sondern stets neugierig bleiben und mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen.
Ich bin schon sehr gespannt auf euren Film und freu mich sehr, dass der Arthur Gfrei auch dabei sein kann..
herzlichen Gruß
steph
Vor ein paar Jahren war ich zum ersten Mal oben auf dem Stilfser Joch, mit Übernachtung in der Tibet-Hütte. Seitdem lässt mich dieser Ort nicht mehr los. Wenn irgend möglich muss ich mindestens einmal im Jahr da rauf. Dieses Jahr hab ich dort im Juni schon mit ein paar Motorradfreunden meinen obligatorischen Apfelstrudel verspeist. Und bald darf ich ein zweites Mal hin zu einem ganz speziellen Anlass! 🙂