
„400 m“ sind auf den Asphalt gesprüht, daneben das Logo eines Radsportvereins. „Tornante 4“ steht auf dem an die Begrenzungsmauer geschraubtem Schild. Meine App hat 19 Kilometer und 1800 Höhenmetern gemessen, mein Puls liegt bei 170. Mir fehlen nur noch vier Kehren bis zum Pass.


Viereinhalb Stunden vorher hebelte ich mein MTB in Gomagoi vom Fahrradträger. Die Nacht war durchwacht – Ärger im Büro brachte mich um den Schlaf. Ich wollte ihn loswerden, ihn aus mir treten. Doch schon in der Galerie vor der ersten Kehre brannten meine Oberschenkel, wie so oft, und mein Puls war viel zu hoch. Trotzig blieb ich auf dem mittleren Kettenblatt. Zwei Wochen zuvor bin ich hier dramatisch eingebrochen, nach nicht mal 600 Höhenmetern.
Heute will ich mehr. Ich bin alleine unterwegs – keine Sportwagen, keine Wohnmobile, wenig Motorräder. Es ist Mitte Oktober, in wenigen Tagen wird die Straße gesperrt werden. In Gedanken bin ich immer noch in diesem unguten Gespräch im Büro, das nicht nur unfair, sondern direkt böse in meine Richtung geführt wurde. Dieser Ärger …
Ich mache mehrere Foto- und Essenspausen. In Kehre 38 ziehe ich mir mein langes Trikot über. In Kehre 29 ergibt sich ein lustiges Gespräch mit einem Geländewagen-Fahrer aus der Schweiz. Auf der Franzenshöhe sehe ich mir die Mauer hoch zum Joch noch einmal sehr genau an.


Franzenshöhe – die Hälfte der Kehren liegt hinter mir
In Kehre 10 – dem bisher höchsten von mir auf dem Fahrrad erreichtem Punkt – esse ich den letzten Energyriegel und werde dabei von einem Schatten gestreift. Über mir drehen zwei Bartgeier ihre Runden, gefolgt vom noch komplett schwarzen Nachwuchs. Vor über zwanzig Jahren arbeitete ich indirekt an der Neuansiedlung dieses magischen Vogels mit – und nun kreist eine komplette Familie über mir. Sensationell!
Kehre
4

Stilfser Joch: Kehre 4
Die letzten vier Kehren kommen näher. Der salzige Geschmack auf meinen Lippen stammt nicht vom Schweiß und die Atemnot nicht von der Anstrengung. Meine Partnerin begleitet mich seit einer Stunde via WhatsApp, ich gebe ihr die Nummern der durchfahrenen Tornanti durch. Ich denke an die Nacht im Herbst 2017, als ich im Auto hinter Omar di Felice herfuhr. Ich denke an das Training auf dem alten Rennrad im Kinderzimmer, ich denke an die Schinderei auf den Laaser Bergen, um mich an die Steigungen der Ostrampe zu gewöhnen.
Kehre
3

Stilfser Joch: Kehre 3
Meine besten Freunde wissen nicht, dass ich jetzt der Passhöhe so nahe bin – eigentlich wollten sie mit einer Flasche Sekt oben auf mich warten, mich feiern. Ich habe sie nicht informiert, ich hatte den ganzen Sommer lang Zweifel am „Projekts 2018“. Und nun ein schlechtes Gewissen.
Kehre
2

Stilfser Joch: Kehre 2
Noch einmal rechts herum, noch einmal ein bissiger Anstieg. Ich blicke zur Tibethütte, sehe auf der Terrasse Menschen, die jetzt gefühlt alle in meine Richtung blicken. 27mal habe ich mich in diesem Sommer aufs Fahrrad gesetzt, während 46 Stunden Fahrzeit eine Strecke von 540 km hinter mich gebracht, habe ziemlich genau 18.000 Höhenmeter überwunden – für diesen 200 Meter entfernten Moment.
Kehre
1

Stilfser Joch: Kehre 1
Ich überlege noch, auf dem Parkplatz in der Kehre 1 zu wenden, den Pass nicht zu überfahren, um meinen Freunden den Spaß an der Feier nicht zu nehmen. Ich denke an meinen Sohn, den ich in einer Woche wieder in die Arme nehmen kann und der sich über meine neueste Story sicher freuen wird. „Papi, warum nur bist Du so cool?“ – das fragt er mich immer wieder. Meine Partnerin schickt mir Herzen aufs Smartphone. Meine Beine schmerzen, ich prügle mich mit Gewalt und dem letzten Rest von Willen die verbleibenden 100 Meter weiter. Ich breche – überwältigt – erneut in Tränen aus, bevor ich die Cima Coppi auf 2760 Metern Höhe erreiche.
Seit 25 Jahren träume ich davon. Mein Vater war schon damals mit dem Fahrrad hier oben, war es vor drei Wochen wieder, mit 68 Jahren. Nach Tausenden Joch-Fahrten mit dem Motorrad schaffe ich es heute zum ersten Mal aus eigener Kraft. Es geht mir nahe.
Passhöhe
Der höchste Pass Italiens, die Legende unter Fahrrad-Fahrern, „Seine Majestät“, wie Omar di Felice das Stilfserjoch immer nennt, hat mir heute eine Audienz gewährt.

.. Traum erfüllt ..
- Stilfserjoch – mit dem Fahrrad
- Ultracycling – Fahr‘ weiter als der Rest
- Stilfserjoch mit dem Fahrrad: 100 Höhenmeter
- Stilfserjoch mit dem Fahrrad: 1000 Höhenmeter