
„Projekt 2018“: Ich will es mit dem Fahrrad auf den höchsten Pass Italiens, das Stilfserjoch schaffen, 2000 Höhenmeter und 40 km Strecke überwinden. Seit Januar versuche ich, mir auf dem Hometrainer die notwendige Kondition anzutrainieren. Die Betonung liegt noch auf „versuche“, denn die ersten 100 Höhenmeter waren hart …


Das Wetter ist gut zu mir. Komme ich abends nach Hause, ist es draußen wärmer als drinnen. Vorbei sind die 30 Minuten Langeweile auf dem Hometrainer und es gibt keine Ausrede mehr. Jeder Tag wird länger, ich sollte für mein Training unbedingt ins Freie, an die frische Luft, auf die Straßen meiner Heimat.
Training
für „Projekt 2018“
Das vierzig Jahre alte Stahlrad bleibt auf der Rolle zurück, ich wechsle auf modernes Gerät. Das wehrt sich noch, kämpft wegen des irre breiten Lenkers mit der schmalen Kellertür und zeigt das übliche Leiden meiner Fahrzeuge: zu wenig Reifendruck. Das händische Aufpumpen wird zur Aufwärmübung; interessant, wie einfach ein gut eingesessener Büromensch außer Atem gebracht werden kann, und in welch‘ kurzer Zeit.
Mein bisher nicht gefahrenes Bionicon Edison Evo erblickt das Licht des lauwarmen Abends. Das Evo ist ein Kletter- und Downhill-Mountainbike mit Alurahmen, vollgefedert und mit variabler Fahrwerks-Geometrie, steht auf 27,5-Zoll großen Rädern mit dicken Reifen, hat 1 x 11 Gänge und einen hydraulischen Sattellift. Es wiegt relativ schwer.
Der Weg
nach Westen
Ich fahre die kühle Luft bringende Etsch entlang. Vier Kilometer geht es schnurgerade und flach auf dem noblen Südtiroler Radweg dahin. Die Reifen singen auf dem Asphalt, der noch vor wenigen Wochen wegen Eis nicht befahrbar war und zerquetschen frische Pflanzensamen, die von weitem wie Raupen aussehen.

Schnurgerade und flach …

… der Etsch entlang
Nach links geht es bergauf, das kleine Örtchen Tschengls grüßt vom Berg. Ich müsste im Moment nur lächerliche 2 % Steigung überwinden, aber das kaum sichtbare Gefälle bremst spürbar, treibt mir Wärme in die Oberschenkel. Da muss ich nun durch, ich hab es mir versprochen. Die Kette wandert immer weiter nach links, trotzdem zieht meine Lunge mehr Luft als mir lieb ist – und, bei der Gelegenheit, auch eine deftige Brise Pflanzenschutz aus den umliegenden Apfelplantagen.

Der Kirchturm von Tschengls – mein Ziel
Im kleinen Wald, der unterhalb von Tschengls liegt und den ich nun quere, wird es wieder flacher und artgerechter: Das für Gemetzel in hochalpinem Gelände gebaute Bionicon befährt erstmals Schotter. Sogar in ein Schlagloch darf ich mich stürzen – das langhubige Fahrwerk schnupft es unbeeindruckt weg, und weil es sich tiefer anfühlt als es aussah, bemerke ich auch endlich: Das Evo ist im Bergauf-Modus, also mit hohem Heck und abgesenkter Gabel.
Hohes Heck,
abgesenkte Gabel

Mehr Gelände finde ich heute nicht
Das passt für den folgenden Anstieg ins Dorf prima, denn diese Bionicon-Spezialität soll in der Theorie das Bergauffahren erleichtern. Motiviert dirigiere ich das Klettervieh auf den Weg der Schmerzen. Aber schon weit vor dem ersten Haus am Wegesrand schlingt sich die Kette hinten um das ganz große Zahnrad, nach wenigen Tritten lass ich es bleiben und lehne mich außer Atem an einen Baum. Immerhin kann ich in der Ferne das erste Haus von Tschengls erkennen.
Schwache 35
Höhenmeter
Das Smartphone meldet frustrierende 35 überwundene Höhenmeter, die Pulsuhr dafür einen wütenden Puls von über 160. Das hatte ich auf dem Rollentrainer noch nie, das fühlt sich auch überhaupt nicht gut an. Schweiß rinnt mir brennend ins Auge – vor dem geistigen erscheint die Zahl 2000. So viele Höhenmeter liegen auf der Ostrampe des Stilfser Jochs vor mir; sie zu überwinden, scheint hier und jetzt unmöglich.
Nach ein paar tiefen Atemzügen setze ich meine Fahrt dennoch fort, gerade schnell genug, um im Gleichgewicht zu bleiben. Um nicht auch noch das Gesicht gegenüber den Kids, die im Garten des ersten Hauses spielen (und auf ihren Fahrrädern ganz gewiss ohne Probleme ins Dorf kommen), zu verlieren, vermeide ich eine weitere Pause und hoffe auf das langsam näher kommende flache Stück am Ortsrand.
Der erste
Hunderter
Es klappt tatsächlich. Mit letzter Kraft überwinde ich den biestigen Anstieg, quäle mich an zwei älteren Damen auf dem Dorfplatz vorbei und lese, oben auf der Brücke über den Tschenglser Bach, die 100 auf dem Höhenmesser – jawoll! Dann doch relativ zufrieden, senke ich das Heck des Evo ab und stürze mich wieder in die Tiefe. Schwerelos beschleunige ich bis auf knapp 60 km/h, die groben Gummis singen das Lied von Speed, der Fahrtwind greift mir in die nassgeschwitzten Ohren, Schweißtropfen laufen horizontal nach hinten.

Blick von Tschengls in den Oberen Vinschgau
Auf den vier Kilometern bis nach Haue nutze ich den Vinschgauer Oberwind, er schiebt mich spürbar an. Nach ungefähr 50 Minuten, 12 Kilometern und einer Kleinigkeit mehr als 100 überwundene Höhenmeter kämpfe ich nur noch mit der zu schmalen Kellertür. Meine Beine brennen die ganze Nacht.
Mein „Projekt 2018“
wird spannend …

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