Anneau du Rhin – Fahrtraining am Freitag, den 13.

Anneau du Rhin – Fahrtraining mit dem MO InTeam
Lesedauer // Reading time: 8 Min.

Der Anneau du Rhin im Elsass – Schauplatz vieler schneller und schräger Geschichten aus der Kurve. Das MO InTeam lud zum Fahrtraining, ausgerechnet am Freitag, den 13. Juli – diese Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

In jüngeren Jahren habe ich doch einige Fragmente meiner Fußrasten, Stiefelspitzen und Knieschleifer auf dem Rheinring gelassen. Es tropfte viel Schweiß auf den heißen Asphalt, und ich habe ärgste Muskelkater mit nach Hause genommen. Ich trieb meine Supermoto funkensprühend durch den Regen, quälte und blamierte mich auf der Ducati 748s, erlebte, wie einfach schnelles Fahren mit einer Yamaha TRX sein kann.

Das ist lange her. Meine 640er Supermoto von KTM war das letzte Motorrad, mit dem ich auf dem Rheinring die Worte „schnell“ und „JvS“ in Verbindung bringen konnte – im Herbst 2021. Die 50 KTM-PS bei etwas über 150 kg Gewicht ermöglichten unfassbaren Spaß beim Spiel mit den Superbikern. Nicht wenige von ihnen blickten irritiert auf die rumpelnde, schwarz-graue Maschine, die auf den irrste Linien an ihnen vorbei holzte und deren Fahrer dabei ein Permanent-Grinsen im Gesicht hatte.

Im Gegensatz dazu verlangte die Ducati 748s vollste Konzentration, Fokussierung auf die Ideallinie und kraftvollen Einsatz; der Spaß blieb der Strecke, dafür fehlten mir einige Rennfahrer-Gene. Trotz viel mehr Leistung quälte ich mich mit der schönen Italienerin wesentlich langsamer als auf der derben 640er KTM um den Ring – (nachzulesen hier).

Ein
 neues Kapitel

Zehn Jahre später schreibe ich ein neues Kapitel auf dem Anneau – mit dem „Beast“, der KTM 1290 Superduke R. Dieses Ding leistet über 170 PS und drückt großzügig eingeschenkte 140 Nm Drehmoment bei unter 200 kg Gewicht – das heißt: Sie ist leichter als die Ducati, aber stärker als die 748 und die 640er zusammen. Garniert mit aufrechter Sitzposition und einem elektronischen Sicherheits-Netz beim Übertreiben ist das Beast eine Waffe, die tiefe Narben ziehen sollte.

Unbändige Vorfreude auf das, was ich im Elsass nun erleben werde

Unbändige Vorfreude

Unterstützend greifen Kollege Johann mit seiner eigenen Superduke sowie das Deutschmann-Paar Volker und Rosana auf ihren S1000RRs von BMW in das Geschehen ein. In Summe steht eine gewaltige PS-Zahl unter den Schatten spendenden Bäumen des Rheinrings.

Freitag, 13. Juli, 9.00 Uhr: Der Anneau du Rhin wird für den ersten Turn freigegeben, aus zahllosen Rohren brüllt heiß verbrennendes Benzin. Ich bin noch dabei, mein Motorrad vom Vorderrad und das Vorderrad vom Reifen zu befreien, denn dieser hat sich meine Sehnsucht für die Straßen Südfrankreichs zu eigen gemacht und ist weitestgehend dort geblieben. Mit anderen Worten: Sein Profil ist am Ende.

Während also von den ersten Stürzenden schon Bodenproben genommen werden und sich grober Kies mit teurem Metall und Verkleidungsplastik vermengt, fädle ich Bremsscheiben in Bremszangen, Radachsen in Räder und diverse Schrauben in Gewinde. Nach dem Wechsel auch des Hinterreifens, dem Abkleben von Scheinwerfern, dem Demontieren von Rückspiegeln, der Geräuschmessung, dem Volltanken und dem Mich-ins-Leder-Zwängen werfe auch ich mich ins Getümmel.

Das Spiel
 beginnt

Der gebuchte Instruktor entschwindet schon auf den ersten Metern mit einem Wheelie. Sieht natürlich cool aus, ist für mich aber doof. Meine Infos von wegen „neues Streckenlayout noch unbekannt“ und „frische Reifen“ waren wohl zu wenig nachdrücklich; ich finde mich orientierungslos auf der Piste wieder, das Rühren meiner Maschine macht mich nervös. Neue, kalte Reifen und ein nervöser Lenker hinter dem Lenker – diese Kombination ist mehr als unangenehm und wird mitten in einem Rudel zähnefletschender Racer schnell gefährlich.

Krampfhafte Liniensuche auf dem Anneau du Rhin

Krampfhafte Liniensuche auf dem Anneau du Rhin

Als ich dann im schnellsten Eck des Anneau du Rhin gleichzeitig links und rechts überholt werde und mich der Sog der schnellen Jungs fast vom Motorrad weht, beende ich meine Fahrt nach nicht mal 15 Minuten und verkrieche mich geprügelt im Fahrerlager. Meine Handgelenke schmerzen, meine Unterarme sind dick, ich bin verschwitzt und vollkommen außer Atem.

Das ist
 nichts mehr für mich ..

… geht es mir durch den Kopf. Die Flucht nach vorn wäre dank Motorleistung möglich, aber unsinnig. Es ist außerordentlich dämlich, auf den Geraden an jemandem vorbei zu hämmern, um in den Kurven zum Hindernis zu werden. Für die tiefen Schräglagen fehlt mir noch das Vertrauen in die Reifen, für die Ellenbogen-Checks im Pulk die Nerven. So wird das nichts.

Canossa liegt in der MO-Box, und dort erhalte ich nach einem kurzen Gespräch die Erlaubnis, in eine andere, und zwar die langsamere, Gruppe zu wechseln. Es ist zwar schade um die gemeinsamen Runden mit Rosana, Volker und Johann, aber als ich bereits nach der dritten Kurve die vor mir Gestarteten weit hinter mir weiß und der Blick zurück keine potentiell mit Lichtgeschwindigkeit Überholenden mehr erwarten lässt, gefällt mir meine Entscheidung sehr.

Dann
 beginnt’s zu laufen

Zum Motor der 1290 Superduke R wurde schon viel geschrieben – von „übermotorisiert“ über „zuviel des Guten“ bis hin zu „unfahrbar“ war alles dabei. Starke Motorräder drücken um die 100 Newtonmeter Drehmoment – die Superduke wirft 140 ins Hinterrad, spielt damit bei den ganz schweren Jungs mit. Das Beast geht mit dumpf stampfender Urgewalt nach vorne, machtvoll und doch spielerisch. Ausgangs der Kurven bemerke ich mehrmals eine leichte Unruhe – schiere Power zwingt die KTM in reifenmordende Powerslides.

Krampfhafte Liniensuche auf dem Anneau du Rhin

Es beginnt zu laufen

Eingangs der Zielgeraden stellt sich die 1290er regelmäßig auf ihr Hinterrad. Im dritten Gang, im vierten Gang. Im fünften Gang zeigt das Display über 230 km/h an, ehe ich mich energisch in den schnellen Knick vor der Fahrerlager-Kurve werfe. Dort verschmilzt das gigantische Drehmoment drei Rechtskurven zu einem einzigen Bogen.

Anneau du Rhin –
 ganz nach meinem Geschmack!

Motorradfahren ist nicht nur Herz-, sondern auch Kopfsache. Befreit von der Nervosität wegen falscher Linienwahl, von hinten drohenden Hasardeuren oder rutschigen Reifen gelingen mir immer schnellere Rundenzeiten. Mein Respektabstand zu den Curbs wird mit jeder Runde geringer, die Bremspunkte wandern tiefer in die Kurven, und endlich ertönt auch wieder das Lieblingsgeräusch engagierter Motorradfahrer: das des sich zerspanenden Knieschleifers.

Die heiß gefahrenen Reifen verzahnen sich unnachgiebig mit der Rennstrecke und bieten dem martialisch drückenden Motor die Stirn – nur beim harten Anbremsen mit gleichzeitigem Runterschalten rupft das Hinterrad zur Seite, um anschließend vom V2 wieder in den Asphalt gepresst zu werden. Aus dem anfänglich stressigen Kämpfen ist euphorisches Schwingen geworden, auch weil die geringe Anzahl der Mitfahrer in meiner Gruppe in der Tat „Freies Fahren“ in Kopf und Herz zulässt.

Noch ein paar Zentimeter

Noch ein paar Zentimeter

Kurz darauf stößt ein weiteres Geräusch ins Konzert von wütendem 1,3-Liter-Motor, sich auflösenden Knieschleifern und kreischenden Keramik-Stiefelspitzen: ein hartes, metallisches Schaben aus dem Fußbereich, erst links, dann rechts, regelmäßig in den Scheitelpunkten der langen 180-Grad-Kehren des Anneau du Rhin. Ich vermute die Fußrasten und denke mir mit „Die sind eh viel zu lang“ nichts dabei.

Beim Kontrollblick zeigen sich die Fußrasten unversehrt – dafür hat die Länge von Schalt- und Bremshebel abgenommen. Bodenkontakt des Schalthebels kann bei Verwendung eines Schaltautomaten durchaus ins Auge gehen.

Am Ende der letzten Fahrt verdampft Kettenfett auf dem Vorschalldämpfer, gemeinsam mit vor sich hinschmelzenden Gummibröseln und von den klebrigen Reifen aufgenommenen und an den Auspuff geworfenen Laubfetzen. Wie ein Bau-Arbeiter nach einer langen Schicht dünstet die KTM aus, riecht metallisch, nach kochendem Öl, überhitzten Bremsbelägen, knistert im Schatten der Bäume.

Alles
gut!

Fahrtraining schrott- und frustfrei überstanden

Fahrtraining schrott- und frustfrei überstanden

Es ist Zeit geworden, Startnummer und Klebefolie wieder von der mattschwarzen Superwumme zu ziehen. Das nicht ganz zur Maschine passende Leder kann auf der Ladefläche von Johanns Pick-Up auslüften, in der MO-Box gibt’s frisches Wasser für den heißgefahrenen Kopf. Ich wäre gerne noch ein paar Runden gefahren, aber nun beginnt auf dem Anneau du Rhin die Zeit der vierrädrigen PS-Monster mit klingenden Namen wie GT3RS, GTR Nismo, Huracán und Aventador.

Fotos (3): www.racepixx.de

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.
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