Wenn Motorräder denken lernen …

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oder: Warum ich mit Schaltautomaten und Fahrmodi hadere.

Kürzlich fuhr ich für eine Fotostrecke drei Neuzeit-Motorräder: eine BMW S1000XR, eine BMW R1300GS und eine Ducati Multistrada V2S. Alle kamen mit der vollen Elektronik-Packung: autovollomatische Fahrwerke, gekühlte SmartPhone-Ladeschalen und LED-beleuchtete Drohnen-Landeplätze auf den Topcases. Science-Fiction, präsentiert auf hochauflösenden Panorama-Displays.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Die bayrischen Berlinerinnen verwirren mich allerdings schon vor dem Losfahren. Worin mag der Sinn eines klobigen Funkschlüssels liegen, der zwar ein Zündschloss einspart, dafür aber eine elektronische Ver- und Entriegelungslösung am Lenkkopf und einen Fahrstuhlknopf zum Booten des Motorrads benötigt? Der das Fotofahren mit ständig wechselnden Motorrädern kompliziert macht, weil die Karren ohne Handshake mit ihm nicht mehr anspringen? Und den man im ohnehin schon prall gefüllten Lederkombi unterbringen muss?

Natürlich wird sich mal irgendjemand irgendetwas bei der Entwicklung dieses Gadgets gedacht haben. Viel kann es allerdings nicht gewesen sein. Steckt das Ding wie bisher in ein Schloss und gut ist’s. Keyless ist einfach senseless, wenn es nicht so wie bei Tesla – über das ohnehin immer irgendwo mitgeführte Smartphone – gelöst ist.

Verwirrung
 und Seltsames

Auch auf der Multistrada erlebe ich Seltsames: Beim Einrücken der Kupplung dreht der Motor selbständig um ein paar Hundert Umdrehungen hoch. Ich frage mich – wozu? Berganfahrhilfe? Anti-Abwürg-Assistent? Mag gut gemeint sein, ist allerdings ohne Ende nervig. Denn beim Wenden am Lenkanschlag auf engen Landstraßen oder auf abschüssigen Wegen kann ich Spielereien, die die Gasannahme verwässern, nicht gebrauchen.

Außerdem lerne ich – schon wieder – dass ich zu blöd für Schaltautomaten bin. Die in 30 Jahren einstudierte Gangwechsel-Klaviatur hat sich so tief in meine Reflexe gebrannt, dass mir jeder Quickshifter beim Schalten in die Quere kommt. Bei jedem zweiten Gangwechsel verschlucken sich BMWs und die Multistrada dramatisch, werfen mich an den Tank und zerren anschließend wieder an meinen Armen. Das ist einfach ein Krampf ohne Sinn und Zweck.

Durchsuch das Menü – Such! Moderne Motorräder sorgen für Zeitvertreib
Durchsuch das Menü – Such!

Ganz sicher lassen sich in den Untiefen der Riding-, Suspension-, Advanced- und God-Modes alle Anfahr-, Schalt- und Umfallassistenten anpassen und zum Glück auch deaktivieren. Während der Fotosession ist aber keine Zeit, um sich durch Hunderte Einstellungen zu wühlen. Ich wage es dennoch und drehe prompt die Griffheizung auf die Stufe Steakhouse. Der Weg zurück in die Kühle bleibt mir verwehrt. Das ist schlecht, denn wenn ich etwas beim Motorradfahren noch mehr hasse als Schaltautomaten, dann sind es zu warme Hände.

Too much
 information

Die aktuelle Motorradwelt ist offenbar in Richtung vollvernetzte Rundum-Digitalisierung unterwegs. Die Multistrada verbindet sich bei jeder Vorbeifahrt mit dem SmartPhone des Fotografen und jammert wenige Meter später über den Verbindungsabbruch. Das Intercom im Helm versucht seit Stunden Ähnliches erfolglos – Mesh spricht kein Bluetooth, Fotograf und Model müssen sich weiter anbrüllen.

MotorProsa Blog Post Wenn Motorraeder denken 1
An TFT dachte im Jahr 2000 noch niemand

Ein dreh-, kipp- und drückbares Nupsi am BMW-Lenker füllt den Screen mit formatfüllender Abwechslung. Kippschalter schieben mal das Windschild nach oben, wechseln später den Radiosender, der ins Nichts streamt, weil: Mesh. Im dynamischen Sport-Pro-ChatGPT-Modus erzählt mir das Schräglagen-Schätzeisen etwas von 50° – Hey, MotoGP-Manager: Ruft! Mich! An!

Angesichts dessen wirken die Schaltempfehlungen zum Treibstoffsparen arg lustig.

Wundersames
 auf Knopfdruck

Kabel an Gabeln und Federbeinen bestromern Stellmotoren, die magische Schrauben drehen. Je nach Fahrmodus und Asphaltlaune in Echtzeit, zu spät oder zum falschen Zeitpunkt. Anders kann ich mir das Absenken des GS-Hecks nach dem Motorstart nicht erklären. Immerhin geschieht das Hochfahren in Fahrt unbemerkt. Moderne Bikes können ihre Persönlichkeit schneller ändern als Teenager ihre Laune. Einfach sich mal durch die Fahrmodi rocken und staunen.

Oder sich wundern.

Der Reiz
 des Unperfekten

Ich bin mit meiner alten Ducati 748s zur Fotofahrt angereist. Das hebt die Multitools aus dem aktuellen Modelljahr in außerirdische Sphären, denn meine Maschine stammt noch aus der Zeit der Wählscheiben-Telefone. Dafür hat sie Launen: Mal läuft sie wie ein Uhrwerk, mal stolpert sie. Das liegt meist an Kleinigkeiten wie einer zu trockenen Kette oder zu wenig Luftdruck. Der wird natürlich nicht automatisch überwacht – hier werden bremsstaubschwarze Finger fällig.

Und wenn sich an der Lenkerarmatur etwas drehen oder kippen lässt, dann ist es kaputt.

Wahrscheinlich besitzt sie diesen vielbeschworenen „Charakter”, der mich zwingt, ihr zuzuhören und ihr Befinden zu erraten. Per QR-Code abrufbare FAQ gibts ja nicht. Ob noch ein Grad Schräglage mehr möglich ist, sagt mir kein Display, das muss ich im Hintern spüren. Den Job des nicht vorhandenen ABS erledigt mein Mittelfinger, und für die Kontrolle des Ölstands muss ich auf die Knie.

Der Schräglagen-Sensor wärmt die Sitzbank
Der Schräglagen-Sensor sitzt im Sattel

Die Rechenleistung von modernen Motorrädern reicht für eine Mondlandung, aber die Elektronik meiner Ducati beschränkt sich – abgesehen von der Einspritzung – auf das gelegentliche Anzünden der Leerlauf- und Benzinstandsleuchte. Die 748er hat weder CanBus noch Fahrassistenten und wählt bei einem Umfaller nicht automatisch den Notruf. Der Motor bleibt bei zu grobem Einkuppeln einfach stecken, bei unsensiblem Bremsen malen die Reifen Striche und nach einem Fahrtag meldet sich der linke große Onkel mit schmerzlichem Fazit.

Die 748 ist ein nicht-funkendes Konglomerat aus Stahl-, Aluminium- und Plastikteilen, garniert mit matt gewordenem Carbon. Und vielleicht bin ich nach 25 Jahren mit ihr mittlerweile ähnlich antiquiert.

Zwischen Mensch
 und Maschine

Natürlich bin ich nicht gegen Fortschritt – die Zero SR/F, die gemeinsam mit der 748 und der Harley in meiner Garage steht, ist ein guter Beweis dafür. Ich weiß, dass ABS besser bremst als ich und ich freue mich in jeder Serpentine über die Arbeit der Zero-Traktionskontrolle. Mir ist klar, dass elektronische Dämpfungsregelung Vorteile bietet und ich vermute, dass manche Menschen ihre Spotify-Playlist auch beim Motorradfahren abarbeiten möchten, während sie sich durch die Farbvarianten ihrer Tankring-Ambientebeleuchtung klicken.

Dann aber gibt es diese Tage, an denen ich das Einrasten der einzelnen Gänge im Fuß spüren will. Dann will ich ein Fahrwerk, das mich schlägt, wenn ich eine Bodenwelle übersehe – keines, das mich an den Sky-Hook nimmt und Fahrfehler wegbügelt. Dann will ich ein Motorrad, das sich wehrt, wenn ich mit den Gedanken nicht bei der Sache bin.

Das sind Tage, an denen ich nicht in Echtzeit wissen will, wie weit das Benzin im Tank noch reicht, Tage, die erst enden, wenn ich den filigranen Ducati-Zündschlüssel abziehe. Das sind Tage, an denen mein Motorrad nur einen Fahrmodus kennt: Mich.

Aber: Das elektrisch höhenverstellbare Windschild der GS war schon geil.

Motorprosa-Pen

Dankeschöns
& HighFives

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4 Kommentare zu „Wenn Motorräder denken lernen …“

  1. Sehr toll geschrieben. Ich fahre auch schon seit über 50 Jahren Motorrad inkl. Kleinkraftrad. Aber sich bei Ersatzmotorrädern durch die Menüs zu klickern ist schon anstrengend. Da fahr ich lieber so los.
    Ich fühle auch gerne wie die Gänge einrasten und schaue auch gerne auf meine analogen Instrumente.

    Die Linke zum Gruße
    Berthold

    Antworten
  2. Ich fühle es voll. Immer mehr Features und immer komplexere Menüstrukturen lenken eigentlich von der Essenz des Fahrens ab. So sehr ich mich über jedes neue Testbike freue bin ich bei den meisten von dieser Featuritis abgeschreckt. Und dann steige ich auf meine über 25 Jahre alte Honda Dominator und merke, wie schön es ist mit der einfachen Technik unterwegs zu sein!

    Antworten
  3. ..im ersten Teil der Geschichte lag mit öfters mal ein ‚HÄ???‘ auf den Lippen, aber auch wenn ich wenig bis fast nix verstanden hab, eine echter Theiner =))

    ..und mit meiner Vorab-Einschätzung im Forum

    ***
    Also ich rate mal, bevor ich’s lese..
    Auf deiner Ducati hat dir danach immer der ganze Körper wehgetan, aber beim Fahren warst du quietschlebendig und hellwach mittendrin im Geschehen, konntest jeden Kiesel auf der Strasse mit Vornamen ansprechen, dein Popometer hat in den Profimodus geschalten, wohlige Schauer liefen den Rücken rauf und runter & du hast dich unsterblich gefühlt .. zumindest bis zum absteigen

    ..und mit den anderen ‚Denkmaschinen‘ war’s zwar irgendwie auch geil, aber ziemlich weichgespült, denn du hattest das Gefühl du wirst gefahren und es wurde schnell so richtig langweilig *gäääähn* ..du hast angefangen dich über andere Verkehrsteilnehmer zu ärgern, darüber nachzudenken, was du nächste Woche auf dem Plan hast und wann um Himmels willen du endlich wieder auf deine PARMESANFEILE darfst =)))))))
    ***

    ..lag ich scheint’s goldrichtig

    Danke für’s Lachmuskeltraining

    Antworten

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