
Es geschieht im Juli 2020: in der Provinz Trentino in Norditalien werden einige Straßen auf maximal 60 km/h begrenzt. Kurioserweise nur für Motorräder – alle anderen dürfen schneller. Entsprechend brodelt es in der Zweirad-Welt … 90-60-90, DAS zwingt mich zu kurvigen Gedanken im MotorProsa-Style.

Es geht um die IN-Disco „Zum Trentiner“: DAS Szenelokal mit sensationellem Ambiente auf mehreren Stockwerken, genialen Cocktails, feinster Speisekarte und herrlichem Flair. Nur einen Katzensprung vom Brenner entfernt – also, kommt alle mit!

Los – wir fahren „Zum Trentiner“!
Im Trentiner ist immer was los. Das ist keine rauchige Halle mit dumpf grollender Konserven-Tanzkapelle, sondern ein feiner Club mit zahlreichen Separées, in denen der Beat ständig wechselt. In der „Garda-Lounge“ gibt’s romantisch-kuschelige Klänge, animierender Rock spielt in den oberen Stockwerken im „Tonale-Loft“, High-Speed Metal erschüttert die Bude hinter den „Gates of Bondone“.
Diese bunte Mischung macht den Trentiner zum „Place to Be“: internationales Klientel füllt das Haus verlässlich bis an die Oberkante, das Dröhnen einer erfolgreichen Session strahlt bis an das südliche Ende des Gardasees und hoch bis an den idyllischen Kalterer See.
Doch seit Juli 2020 ist dieser Klangteppich etwas verstimmt. Wie so oft, wenn viel zu viele nach dem Gleichem streben, aber die Möglichkeiten dafür nicht gleich verteilt sind, geht etwas schief.
Alles
herrlich!
Man muss wissen: der Trentiner beschäftigt in allen seinen Räumen Vortänzerinnen mit den sehr anregenden Maßen der Kategorie 90-60-90. Mindestens. Und – das ist die Besonderheit des Lokals: mit ihnen darf jeder Gast tanzen, ihnen darf sich jeder Gast nähern, ihren Kurven darf sich jeder Gast hingeben – bei jedem Besuch, immer wieder, gerne mehrmals.
Das kostet bei allem Vergnügen keinen Aufpreis, selbst der Eintritt ist frei – denn die Disco lebt gut von der Getränkekonsumation nach intensiven Tänzen. Bei diesem einzigartigem Angebot bleiben viele auch mal ein ganzes Wochenende oder länger in den Gästezimmern des Clubs hängen.

DAS ist eventuell zu schnell!
Seit Juli 2020 gibt’s dieses sehr gern genutzte Angebot plötzlich nicht mehr für alle: wer mit dem Motorrad zum Club fährt, darf in einigen Separées – aktuell sind es drei – nur noch die schmalen Taillen der Tänzerinnen genießen. Das Feiern von ausladenden Oberweiten und prallen Hüften ist bei Strafe tabu – bei Missachtung kassiert der DJ empfindliche Gebühren. Und – als wäre das nicht schon schlimm genug, bleibt Gästen, die auf vier oder mehr Rädern auf den Parkplatz rollen, das Privileg des gefühlsintensiven Tanzes in allen Räumen voll erhalten.
Gar nichts
ist herrlich!!
Es gibt also Unruhe in den oberen Stockwerken: die 60er-Taillen-Feierer tun dies zum Ausgleich einfach langsamer und länger und blockieren so die begehrten 90er für alle anderen. Frust ist die Folge.

60 km/h sind doch lahm, Mensch!
Das komplette, gefühlsintensivere Angebot ist leider nicht für jeden Gast geeignet. Offensichtlich lassen vor allem motorradfahrende Besucher den Respekt gegenüber einer schönen, kurvenreichen, alles erlaubenden Dame vermissen und nähern sich ihr unangemessen.
Die Türen zum Trentiner werden unhöflich mit den Füßen aufgetreten, andere Gäste rücksichtslos beiseite gerempelt und deren bis dahin angenehme Emotionen in Aggressionen umgedreht. Viele poltern in ihrem derben Leder und den schweren Stiefeln unangenehm auffallend in die oberen Etagen, um dort mit den ihnen vermeintlich allein gehörenden Damen so eng wie möglich zu tanzen – tun das aber derartig ungeschickt, dass sie viel zu oft über die eigenen Füße stolpern und zu Boden gehen. Verschüttete Getränke, besudelte Abendkleider oder verletzte Tänzerinnen mag der Trentiner natürlich nicht – und ändert die Hausordnung.
Nachvollziehbar?
Natürlich. Bis ein quer durch’s Separée geschleuderter und in Scherben zerplatzter Cocktail beseitigt ist, bis die Dame ein neues Abendkleid trägt und eventuelle Sturzverletzungen der ungelenken Tänzer versorgt sind, ist der Raum nicht bespielbar. Das geht nicht nur dem Trentiner auf die Ketten, sondern auch den restlichen Gästen, und das muss nicht sein – deswegen der Versuch, Speed aus der Leidenschaft der zweirädrigen Kundschaft zu nehmen.
Aber es brodelt. Wie ein Kleinkind, das all‘ seine Murmeln scheiße findet, weil ihm eine einzige Murmel in den Mist gefallen ist, finden nun einige Zweiradler den kompletten Club unbesuchbar, und lassen dabei außer acht, dass der Herr des Schuppens das Vergnügen nur in drei Separées einschränkt.
Ihr Rüpeln, Drängeln und Rempeln, also die eigentlichen Gründe für die Einschränkungen, ihre eigene Ungeduld beim Kurvenfeiern und ihre unausgereifte Tanztechnik finden sie vollkommen OK – schließlich trinken sie auch mal ein Bier oder drei im Trentiner.
Kurioserweise wird das eventuell aufkommende Drängeln derjenigen, die noch überall ran dürfen, plötzlich als DIE Gefahr gesehen und als Affront betrachtet. Dass es im Trentiner noch Dutzende besuch- und genießbare Ecken mit 90-60-90er-Vollausstattung gibt, geht leider unter …

Jetzt
mal seriös
Die Regierung der Provinz Trentino hat sich diese, nur für Motorräder geltende, Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf – wohlgemerkt – nur bestimmten Straßenabschnitten nicht aus einer Laune heraus einfallen lassen, sondern musste aufgrund zahlreicher Motorrad-Unfälle mit Todesfolge handeln.
Am 4. Juni 2020 teilte der Landtag mit:
“Lo scorso anno in poco meno di un mese dall’inizio della stagione si registrarono almeno una decina di incidenti mortali con protagonisti dei motociclisti. Decidemmo pertanto di convocare il Comitato per mettere a punto, con tutte le autorità competenti, una forte azione di controllo sul territorio. Guardando ai numeri, effettivamente morti e incidenti si ridussero. Anche quest’anno vogliamo avviare tutte le azioni utili per rendere le nostre strade più sicure.
Fra queste, pensiamo alla possibilità di fissare limiti di velocità diversi per automobili e motociclette, su alcune strade. Siamo consapevoli che il limite da solo non è abbastanza, ma già solo comunicare all’esterno l’esistenza di alcuni punti in cui è più basso e il controllo da parte delle forze dell’ordine più capillare può servire, ci auguriamo, come strumento di dissuasione nei confronti di coloro che amano correre troppo”.
https://www.ufficiostampa.provincia.tn.it/Comunicati/Motociclismo-in-Trentino-all-esame-una-campagna-per-prevenire-gli-incidenti-e-limiti-di-velocita-diversificati
Zusammengefasst & übersetzt:
Nach 10 tödlichen Motorradunfällen innerhalb eines Monats (zu Beginn der Saison 2019) wurden verstärkte Kontrollen beschlossen, aufgrund derer die Unfallzahlen wieder sanken. Diese Aktion soll 2020 fortgesetzt werden, ergänzt mit unterschiedlichen Geschwindigkeitsbeschränkungen für Auto- und Motorradfahrer. Man ist sich bewusst, dass eine derartige Beschränkung das Problem nicht löst, aber alleine die entsprechende Kommunikation soll diejenigen, die das schnelle Fahren lieben, zum Umdenken bewegen.
Am 24. Juli 2020 wurde diese Verordnung schließlich verabschiedet. Hier die entsprechende Presse-Mitteilung der Provinz Trentino mit den betroffenen Straßenabschnitten: https://www.ufficiostampa.provincia.tn.it/content/view/full/173975
Reaktionen
Erwartungsgemäß legen sich sofort nach Bekanntwerden der Verordnung die Schreibtisch-Helden in den asozialen Medien die Karten. Von Hass-Botschaften, hanebüchenen Verschwörungstheorien und aggressiven Forderungen ist alles dabei. Einige Medien nutzen den startenden Zug für angeheizte, nichtssagende und zeitlich unpassende Clickbait-Artikel.








Einige Reaktionen reizen zum energischen Kopfschütteln …
Motorradfahrer
aus der Region vertreiben?
DAS ist sicher nicht im Fokus der Provinz Trentino, denn sie gilt als motorradfreundlich. Nicht umsonst unterstützt sie seit Jahren Gresini Racing in der MotoGP und der MotoE (Quelle: https://www.ufficiostampa.provincia.tn.it/layout/set/print/Comunicati/Matteo-Ferrari-e-il-Team-Trentino-Gresini-in-cima-al-mondo).

Die Provinz Trentino auf den Rennstrecken der Welt

Mein Fazit
Es ist, wie so oft, tendenziell wohl eher besser denn schlechter, sich – zumindest etwas – zu informieren und die Dinge dann eher sachlich denn emotional zu betrachten.
Weder herrscht in ganz Tirol Fahrverbot für Motorräder mit höherem Standgeräusch als 95 dB, und genausowenig gilt in der ganzen Provinz Trentino eine erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h nur für Motorräder. Die umstrittene Tiroler Maßnahme betrifft „nur“ drei Täler, im Trentino schränkt man den Speed für Motorräder „nur“ auf drei Streckenabschnitten ein. Bisher …
Das Standgeräusch des eigenen Motorrads läßt sich nicht ändern; sagt auch nichts über das letztlich störende oder noch aushaltbare Fahrgeräusch aus. Das Verhalten im Sattel eines Motorrads ist jedoch eine Variable und beeinflusst das Ergebnis am Ende der Rechnung massiv.
Der Trentiner schaut sich also das Treiben im Club 90-60-90 ganz genau an – auch im Sommer 2021. Noch dürfen wir überall fahren, noch sind keine Straßen im Trentino für Motorradfahrer gesperrt. Wir – und da nehme ich mich nicht aus – müssen uns dessen bewusst sein. Es wird uns kein Nachteil sein, wenn wir unsere beste Seite zeigen, die kurvenreichen Damen respektvoll besuchen und beim Tanz mit ihnen nicht stolpern …
