
Ja, ich weiß. Winglets, diese kurios-hässlichen Flügelteile an den Flanken von immer mehr Motorrädern, haben mit Fliegen nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Das Wortspiel sei mir trotzdem gegönnt, denn ich frage mich: Rinnt in den Adern der Motorrad-Designer mittlerweile nur noch ein flügelverleihender Energy-Drink?

Sommer 2025. Ich bin beim Tamburini-Treffen am Fuß des Monte Grappa. Zu Ehren Massimo Tamburinis, dem Schöpfer der Ducati 916, kommen Tifosi aus ganz Italien zusammen und feiern sich, die 916 und deren Ableger. Dass es auf dem Festgelände getrennte Parkflächen für „richtige“ und „falsche“ Ducatis geben muss, ist klar. Dass es trotzdem auch die neuesten Boden-Boden-Raketen aus Borgo Panigale zu sehen gibt – nachvollziehbar. Dass diese aber in versteckten Ecken stehen müssen und ihre Flügel von 91,6 % der Besucher als „schifosi“, also ekelhaft, bezeichnet werden – wer hätte DAS gedacht?

Winglets –
Next Level Aero
Im Herbst laufe ich durch die EICMA-Messehallen und sehe: Flügel. Überall seitliche Auswüchse in allen Formen und Varianten. Der Anblick ist an europäischen Leistungs-Monstern schon gar nicht mehr ungewöhnlich, die M1000RR von BMW wird Gerüchten zufolge mittlerweile auch bei der Schneeräumung eingesetzt. Aber meterbreite Schwingen an 250ern sind echt leicht verstörend.



Winglets –
der Trend des Grauens
Ich wette, der Peak dieses trendigen Wahnsinns ist noch nicht erreicht. Schon jetzt gibt es im Zubehör „leichte Teile, die Ihrem Motorrad einen hochwertigen Wettkampfcharakter verleihen“. Ich bin gespannt, wann sich der erste Irre zwei davon an den Helm nagelt. Drei Tropfen Kleber, vier Kabelbinder rangewemst und zack! – fertig ist der Rennfahrer.

Zurück zu Massimo Tamburini: Die Anfangsbuchstaben seines Nachnamens finden sich in „Bimota“ wieder. Bi-Mo-Ta – eine Liebeserklärung. Vor den Maschinen dieser Edelschmiede gingen Motorradfreunde in die Knie, verloren sich in feinen Details, staunten über die manische Verarbeitungsqualität und verliebten sich in die unerreicht wunderschöne Designsprache. Davon kann man sich jetzt verabschieden, denn jetzt gibt es die KB998. Was immer die Designer während ihres Tuns geraucht haben – ich möchte ungern in die Nähe davon kommen.

Winglets werden uns als Stabilitäts-Plus bei +300 km/h verkauft. Das ist für die erwähnten 250er natürlich immens wichtig. Und endlich kann man auf seiner Tausender Alpenpässe im Sechsten-Gang-Roten-Bereich einreißen, ohne sich um Wheelies sorgen zu müssen. Bisschen schade, denn ich liebe das Fahren auf dem Hinterrad ja sehr; auf einem beflügelten Motorrad könnte ich mich etwas bevormundet fühlen.
Aber noch hab ich ja kein Winglet-Bike. Und vor +300 km/h hab ich Angst.
Déjà-vu
mit den glorreichen 90ern
Das aktuelle Flügelschlagen begann in der MotoGP. Wahrscheinlich verirrte sich ein Formel 1-Aerodynamiker ins Paddock und schrie im Fieberwahn so lange „Wings, Baby – Wings!“ und „Downforce, Baby – Downforce!“, bis ihm jemand Gehör schenkte.
Das Alles ist aber gar nicht mal so neu. Schon in den 90ern gab es lustig geformtes Plastik am Bike, nur eben dezenter ausgestaltet. Ich denke an den Heckspoiler an der 1993er Kawasaki ZXR 750. Als Haltegriff für den Beifahrer gedacht, trug er Züge von japanischen Fast-and-Furios-Biertheken-Granaten und hatte Toyota Supra-Vibes. Die MotoGP zelebriert nun, Jahrzehnte später, ein wahres rückwärtiges Flügelorchester, und das ganz ohne Haltegriff-Funktion.

So praktisch stabile Winglets beim Anlehnen an Mauern auch wären, ich mag sie nicht. Ich bin Anhänger des alten Motorraddesigns. In meiner Jugend betete ich zu Kevin Schwantz und Wayne Rainey und ihren 500ern im Lucky Strike- und Marlboro-Gewand. Dann tauchte ein gewisser Valentino Rossi auf und drehte mit seinem Style die MotoGP auf links. Schon seine Hondas und Yamahas fand ich traumhaft, aber die göttlich schöne 2011er Ducati flashte mich vollkommen – ein Modell steht immer noch auf meinem Schreibtisch, natürlich vollkommen ohne Flügel und Spoiler. Und jetzt stell ich mir die 2025er Maschine von Pecco daneben vor. Das geht nicht gut aus.

Vision
Flügel
Wenn das so weitergeht, haben Motorräder in zehn Jahren Tragflächen, Seitenruder und ausfahrbare Landeklappen für den Fall eines Falles in den Stelvio-Serpentinen. Unter Umständen gibt es dann am Motorradtreff Platzprobleme, aber dafür können für die Winglets Windkraftanlagen recycled werden. Und die von mir so geliebten Elektromotorräder werden endlich nicht mehr wegen ihrer Reichweite gedisst – denn in Winglets lassen sich jede Menge Akkuzellen einbauen.

Einzig Hondas Goldwing wird, vergoldet, unerschwinglich (Wortwitz, nochmal) werden. Also fangt schon mal an zu sparen.
