
Ich war einen Tag lang mit der Zero SR/F Premium in den Südtiroler Bergen unterwegs. Der elektrische Power-Roadster aus Kalifornien hat mich nachhaltig beeindruckt – doch lest selbst: meine Eindrücke einer verfahrenen Batterie-Ladung.

1,7 Euro. Das ist der aktuelle Literpreis für das hochoktanige Benzin, das meinem Road King würdig ist und – viel wichtiger – ihm das Klingeln abgewöhnt. Ich investiere also eine immense Summe, um mit dem Panzerkreuzer nach Bozen zu fahren – denn dort wartet eine Zero SR/F auf mich, die mit Hochoktanigem so gar nichts anfangen kann.
1,7 Liter – soviel Hubraum will im bebenden Harley-Motor versorgt werden. Er lässt die Objekte im Rückspiegel verschwimmen, seine Kühlrippen schwirren im Takt und sein heißes Abgas brüllt sich dumpf und mächtig ins Freie. Der Schalthebel arbeitet hart an der maroden Verstärkung meines Stiefels – später am Abend wird sie sich an den Hängen des Mendelpasses von mir verabschieden.
In den schnellen Kurven meines Heimattales zerspanen sich die Trittbretter aus good ol’american steel, und die Längsfräsung kurz vor Meran bringt schwankende Unruhe in die schwergewichtige Fuhre – nichts, was mir nicht bekannt wäre.
Minuten später bollert der 103er über die MeBo, dreht im Wohlfühlbereich, in dem seine Vibrationen in der fetten Sitzbank und dem dicken Lenker verloren gehen. Den Schlag des explodierenden Sprits werfen dicht auffahrende Transporter zu mir zurück – das ist der „American Way of Drive“: spektakulär und laut, dafür aber nicht schnell oder dynamisch.
American Way of Drive
Ausgerechnet im Bozner Harley-Store, der Grals-Stätte für Sound-Suchende und Liebhaber fetter Motoren, dort, wo sich 40.000 Euro teure CVOs den Platz mit Sportstern teilen, deren Zubehör-Kosten den Anschaffungspreis locker übersteigen, steht sie dann: die Zero SR/F, das unamerikanischste Motorrad aus den USA.

Eine Maschine ohne Treibstofftank aus dem Land, in dem das Maß für eine Einheit Benzin knapp 4 Liter beträgt. Eine Maschine ohne Verbrennungsmotor aus dem Land, in dem Motoren mit 6 Litern Hubraum noch als „small“ gelten. Eine 230 Kilogramm schwere Maschine aus dem Land, das seine leichtgewichtigen Touren-Motorräder 380 Kilogramm wiegen lässt. Eine Maschine mit italienisch anmutendem Gitterrohr-Rahmen aus dem Land, im dem üblicherweise auf die Schnelle zusammengebrutzelte Rohre von Zierblechen, Chromteilen und Indianerfransen versteckt werden.
Eine amerikanische Maschine, die nur an der Gabel und am Federbein Chrom trägt – und für die es in keinem, selbst nicht dem dicksten Zubehör-Katalog, etwas von „Screaming Eagle“ gibt. Eine Maschine, die mich mit einem hochauflösenden Display anstrahlt – während mein Road King in seinem Tacho die Spuren des letzten Regens spazieren fährt, als trüben Wasserdampf, der zwar den Weg hinein, aber nicht mehr heraus gefunden hat.
Ein Roadster, der mit dem breiten Lenker und der aufrechten Sitzposition an ein Gefährt aus meinem eigenen Fuhrpark erinnert – wenn auch etwas tiefergelegt: das alles niederstampfende 1290er Beast von KTM. Die Tankhaube der SR/F ragt nicht so steil auf wie an der Superduke, die Distanz zum Lenker ist jedoch ähnlich. Die Zero-Fußrasten und die Sitzbank sind dem Boden näher, die einsame Bremspumpe am Lenker ist eine astreine Kopie der Brembo-Anlage an der 1290er.
Die technischen Daten der SR/F beeindrucken bereits im Stand. Es sind weniger die 110 Pferdestärken, die sich irgendwie aus den Stromflüssen zwischen dem Akkupack und dem kupferfarbenen Motor errechnen lassen, sondern vielmehr die Drehmoment-Angabe: die Kalifornier versprechen 190 Newtonmeter. Das ist zwar nicht ganz so viel Wums, wie ihn die überstarken Energicas aus Italien abliefern, aber immer noch ein Wert nicht von dieser Motorrad-Welt!
Beim Blick auf den schmalen Zahnriemen und das filigrane Riemenrad an der hinteren Felge werde ich die Sorge nicht los, ob sich das nicht schon beim ersten Volllast-Befehl in Gummifetzen und Metallstücke zerbröselt. Aber weil der fette Sport-Pirelli von einigen schwungvoll durchfrästen Kurven erzählt, mag ich den Zero-Konstrukteuren einfach mal vertrauen.
Beeindruckende Daten:
Zero SR/F
Die Zero SR/F meldet sich nicht wie ein normales Motorrad zum Dienst. Kein Startermotor fällt krachend in ein Zahnrad, um die Eingeweide des Motors durch zähes Öl zu quälen, sondern sie fährt wie ein Computer hoch. Sie braucht keine Warmlaufphase, sondern steht sofort zu Diensten und rollt dann ansatz- und vibrationslos an.
Ich stromer mich ohne Show vom Harley-Gelände. In meinen Ohren hallt noch der Spruch der Kess Tech-Anlage nach, und ja: Ich bin absichtlich mit dem Eisenschwein zur Zero gefahren, um den Kontrast zwischen Benzin- und Strom-Amerika zu erleben. Und ich bin aus purer Gehässigkeit tags zuvor die für heute geplante Tour mit meiner Ducati 748s abgefahren, um Foto-Spots zu suchen – der Muskelkater dieser 350 gefahrenen Kilometer wird es der Zero SR/F heute nicht leichter machen.
Doch schon nach einem Kilometer hat die Zero SR/F gewonnen: In Bozen staut es sich, ich bin mitten drin. Erfolglose Leerlauf-Suche wie bei der Ducati? Fällt mangels Getriebe weg. Nervige Kupplungs-Arbeit im Stop and Go braucht es nicht. Beide Beine sind am Boden, die SR/F perfekt ausbalanciert, sie fühlt sich halb so schwer an wie sie aussieht. Wieder drängt sich meine ebenfalls leichtfüßige Superduke vors geistige Auge – aber die lässt sich nicht mit nur einer Hand am Lenker durch den Stau zirkeln.

Am Ende der Blechschlange geht Watt, und obwohl im Display „Eco-Mode“ steht, reißt es mich von den noch Stehenden davon. Während die Ducati in den Bergröhren mit ihren offenen Ansaugtrichtern angsteinflößend brüllt und die Harley mit ihren meterlangen Auspuffen den Putz von den Wänden sprengt, surrt die SR/F geräuschlos durchs Dunkel, treibt die Tacho-Anzeige unfassbar schnell auf Werte, die mich weit jenseits des Erlaubten durch den Tunnel schießen.
Eco-Leistung
im Überfluss
Leistung gibt’s also auch im Eco-Modus im Überfluss, und wuchtiges Drehmoment nicht minder. Ich nehme mich speedmäßig zurück und genieße in den Kehren des Mendelpasses die schrägen Momente. Der Asphalt nagt an den Stiefelspitzen, bevor ich sie auf den Rasten weiter nach hinten stelle und dort belassen kann. Auch die Fußbremse benötige ich nicht, denn der „Gas“griff sorgt für Spaß im Wald: Beim Schließen wirft mich die beim Rekuperieren stark bremsende Zero mit Wums an den Tank.
Es dauert ein paar Höhenmeter, bis ich mich daran gewöhne und den knappen Punkt zwischen Beschleunigen und Bremsen finde, an dem die Zero das Segeln beginnt – dann wird aus dem beispielsweise auf der Ducati herausfordernden Ritt auf die Mendel ein herrliches 4D-Computerspiel ohne Getöse oder dicke Unterarme. Kein Verschalter mit Quersteher rückt mir die anvisierte Linie aus dem Fokus, kein Spiel im Antriebsstrang muss mit Zaubern an der Kupplung ausgeglichen werden – weit ausholend stelle ich mich, durch das stark bremsende Hinterrad leicht driftend, in den Kurveneingang und gebe viel früher als gewohnt wieder Energie.
Mir wird klar: Kein Benzin-Motorrad kommt so easy in die Höhe. Meine Superduke geht beim engagierten Gasanlegen gerne quer, reißt dann das Vorderrad von der Straße, um schließlich nach dem nächsten Gang zu verlangen. Ich habe alle Hände voll zu tun, um das Beast auf der gewünschten Linie zu halten. Dabei schickt die KTM, eines der potentesten Naked-Bikes auf dem Markt, „nur“ 140 Newtonmeter ins Hinterrad! Die SR/F hingegen surft neutral um die Kurven, ihr Federbein wird dank gemeinsamer Schwingen- und Antriebsachse vom Zug am straff gespannten Riemen nicht beeinflusst, Spiel im Antrieb ist nicht vorhanden, das überbordende Drehmoment erledigt den Rest.

So ist die Mendel schnell erreicht – stressfrei und alles andere als emotionslos. Was freue ich mich über den wie die Faust im Nacken anschiebenden Motor, wie genial finde ich die Bremswirkung bei geschlossenem Stromgriff. Beides erlaubt es, alle Konzentration auf die perfekte Linie zu legen. Das klappt traumhaft, vor allem DARUM geht es mir beim Kurvenzaubern. Einzig am geringen Fahrgeräusch möchte ich mich stören, denn Radfahrer und Wanderer erschrecken sich oft, wenn sich die Zero vorbeibeamt. Kurzes Hupen hilft, aber ich komme mir dabei irgendwie asozial vor.
Dafür geht nicht nur ein Daumen bei den entgegenkommenden Rad- und Cabriofahrern nach oben – Straßenkunst ohne Lärm wird immer gerne genommen.
Zero SR/F –
Straßenkunst ohne Lärm
Es geht bergab: zuerst durch meine Lieblingskurven in Richtung Fondo und nach Erklimmen des Gampenpasses zurück nach Lana. Auf beiden Strecken wird auf und neben der Straße gearbeitet und gebaut, ab und zu kreuzen Straßenschäden meinen Weg. Dass auf einem Motorrad das Geräusch des in die Kotflügel knallenden Rollsplits mal das Lauteste sein könnte, was zu hören ist, hätte ich nie gedacht.
Die Zero SR/F gebärdet sich beim Rollen über die Bodenwellen oder entlang von Spurrillen beinahe Ducati-like. Sie bleibt selbst abwärts, wenn die Bremse heftig ins Vorderrad beisst, auf der gewünschten Linie, der breite Hinterreifen zwingt die Fuhre nur in den ganz groben Fallen ins Taumeln. Den sportlich gedämpften Federelementen fehlt ein wenig Sämigkeit, die Zero fällt hart in die Asphaltstufen. Das dürfte an der geringen Laufleistung oder an kreativer Einstellung von Gabel und Federbein liegen.
So erlebe ich die Fahrt nach Lana komplett neu: Schwerelos werfe ich mich in die Kurven, genieße sattes Fahrgefühl in großen Schräglagen und Stille beim Streetsurfing. Von den Begrenzungsmauern hallen keine Harley-Verdauungsstörungen oder italienisches Diven-Geklappere wider, Kettenrasseln gibts nicht. Und weil ich nur selten vorne bremsen muss, bleibt auch das Schwirren der Bremsscheiben aus. Nicht mal mit Ohrenstöpseln wird das mechanische Arbeiten eines Motorrads unter dem Helm jemals so leise. Faszinierend.

Hinzu kommt, dass die SR/F von bestechender Verarbeitungsqualität ist: selbst bei zu schneller Fahrt über zu schlechten Asphalt wackeln weder Spiegel noch Display – das übrigens immer, egal bei welchem Sonnenstand, perfekt ablesbar bleibt. Nirgends reiben Teile aneinander, nichts knistert oder quietscht. Ich kann dafür das Abrollen der Reifen hören und auf glattem Asphalt die Profilblöcke der Gummis in den Fußrasten fühlen. Gänzlich unfassbar!
Nach 80 meist im Eco-Modus gefahrenen Kilometern stehen mir im Tal noch 66 % Batteriekapazität zur Verfügung – unverändert seit dem Überschreiten der letzten Passhöhe. Dafür langt die folgende Strecke umso heftiger zu: auf der MeBo sehe ich bei ca. 130 km/h dem Akkustand beim Wegschmelzen zu. Mein nächstes Ziel – den Eingang zum Schnalstal – erreiche ich schließlich mit 50 % SoC, aber ohne Ladekarte brauche ich mich den vielen Ladesäulen erst gar nicht nähern.
Auf den Besuch des Vernagt-Stausees will ich trotzdem nicht verzichten – ich möchte der Zero zeigen, woher die Energie für den Elektro-Spaß kommt. Tempomatgesteuert schleiche ich weit unterhalb des Erlaubten die Steigungen hoch und sehe mich angesichts der schwindenden Prozente an den Ufern des Sees stranden. Die Zero-Software schätzt direkt an der Staumauer eine restliche Reichweite von lustigen 20 km – die Rückfahrt nach Bozen wird also spektakulär werden, ich suche schon mal die Telefonnummer des Händlers.

Zum Glück macht die steile Talfahrt wieder 80 Kilometer daraus – und weil ich mich auf der MeBo für ein paar Minuten in den Windschatten eines LKWs hänge, kann ich der Zero SR/F kurz vor dem Ziel in Bozen nochmals die Sporen geben – im Verhältnisse verschiebenden Sport-Modus.
Es ist einfach ungeheuerlich, mit welcher Gewalt die Zero dann nach vorne zerrt – das zu beschreiben, fiel mir schon bei der Energica Ego schwer. Der Mensch an sich muss wohl erst lernen, dass für ergreifende Beschleunigung keine archaisch brennenden Motoren mit irren Drehzahlen notwendig sind, sondern dass es auch ganz einfach und wirklich ganz anders geht.
Die SR/F. Vollgeladen gestartet, gut Spaß erfahren, nach 170 Kilometern mit 5 % und noch ohne Warnung im Display wieder zurückgebracht. Ich bin beeindruckt von den Fahrleistungen, dem vibrations- und lautlosen Gleiten – und der erstklassigen Verarbeitung, die ich so bisher an nur ganz wenigen Motorrädern gesehen habe.

Ich lasse mich in den weichen Sattel meiner Harley fallen, drehe den Zündungsknochen auf dem Tank, klappe den Seitenständer ein, wähle am rechten Lenkerende „Run“, ziehe die Kupplung und drücke den Startknopf – fühlt sich nach dem simplen „Hit and Run“ auf der Zero an wie das Leben eines Maschinisten auf einem Ozeandampfer. Der V2 dreht ungesund hoch, verschluckt sich mehrmals und bollert mich dann durch den Abendverkehr. Im Leerlauf schüttelt es mich ärger durch als bei Physiotherapeuten-Massage, die Spiegel swingen im Takt der 900 Umdrehungen mit, und niemand in Sichtweite überhört mich.
Noch auf Bozner Stadtgebiet steigt vom Harley-Motor eine Hitzewolke auf, die nach verdampfendem Öl riecht. Zum Quietschen des trocken laufenden Kupplungshebels gesellen sich Schaltschläge aus dem Getriebe, nach dem pendelndem Umlegen des Kings in die Kehren der Mendel kreischen die Trittbretter. Und ich arbeite schwer am dicken Lenker, um die Fuhre auf Kurs zu halten, bekomme meine Adrenalin-Schübe beim Anbremsen von welligen Kurven, in denen die vollkommen unterdämpfte Gabel das ABS überlistet und die Bremse öffnet.
Größeren Kontrast
wird man in der Motorradwelt
kaum erfahren können.
Zuhause angekommen, knistert der Mega-Motor der Harley in der Garage noch minutenlang nach. Der letzte Gas-Stoß endet mit einer hören- und sehenswerten Fehlzündung, ich muss mein Heimkommen nicht mehr ankündigen. Meinem Foto-Rucksack umweht eine leichte Abgasfahne, die Auspuff-Endrohre glänzen fett-schwarz – hier wird der Motor noch innengekühlt, mit viel frischem Benzin.
Ich stelle mir vor, wie die Zero SR/F geräusch- und geruchlos im Dunkel der Garage verschwindet. Einzig die LEDs des Ladegeräts dürften das Geschehen für die nächsten Stunden erhellen.
Auf dem Preisschild dieser Zero stehen ungefähre 20.000 Euro, allfällige Extras im Dienste von Reichweite und Lademöglichkeiten treiben den Preis schwer nach oben. Dafür gäbs bei Harley-Davidson z. B. ein Lebensgefühl mit einem aktuellen Road King oben drauf. Die Zero-Emotionen hingegen sind ganz neu, ganz anders, und haben nichts mehr mit stinkenden Gepäckstücken, Brandspuren am Unterschenkel und klingelnden Ohren wegen laut brüllender Ansaug- und Auspuffrohren zu tun.
Elektro-Motorräder, und diese Zero im Speziellen, flashen mit der unglaublichen Einfachheit des Fahrens. Das, worauf sehr Viele Wert legen – nämlich das kunstvolle und schräge Surfen auf der idealen Linie durch Kurven – gelingt auf der SR/F nahezu in Perfektion. Und wenn nicht, kann man diese Linie in der Lieblingskurve gefahrlos Dutzende Male trainieren, denn niemand wird sich gestört fühlen.

Die Zero SR/F ist, verglichen mit meinem Road King, so etwas wie die iPod-Schnittstelle an der Stereo-Anlage, die neben einem alten Röhrenradio steht. Zwei Taps mit dem Finger, und die Musik läuft – ohne manuelle, gefühlvolle Sendersuche oder das Warten auf die richtige Temperatur in den Röhren.
Aber – und das ist das Wesentliche:
Nach Honda, Triumph Rocket III und Harley V-Rod fahre ich nun seit fünf Saisons die Zero SR/F, mittlerweile 43’000 km auf dem Tacho. Je nach Fahrmodus reicht der Akku für 250 bis 300 Kilometer. Wenn ich mit meinen „Verbrenner-Kollegen“ unterwegs bin, stecke ich beim Mittagshalt das Ladekabel ein und tanke weitere 150 km. Alles easy. Der Verbrennermotor ist eine Technologie aus dem 19. Jahrhundert…ich werde NIE mehr zurückwechseln…
Der Artikel hat ja jetzt schon ein paar Jahre auf dem Buckel, und Deine Zero auch. Oder hast Du die schon gegen eine neue ausgetauscht?
Ich liebäugle ja schon länger mit E auf zwei Rädern. Auf vier Rädern geniesse ich das Fahrgefühl schon seit drei Jahren mit meinem winzigen Cinquecento. Für die nähere Umgebung optimal, kein Krach, satte Beschleunigung in der Stadt, Gokart-Fahrgefühl. Und allen Tankstellen am Straßenrand winke ich freundlich zu. Meine Tankstelle zum Nulltarif zu Hause sind meine zwei Photovoltaikanlagen auf dem Dach mit Speicher.
Ein Probefahrttermin mit einer Energica hat letztes Jahr nicht geklappt, und jetzt ist diese Option ja leider Geschichte. Ob der Irre mit den gelben Haaren in Washington jetzt auch für Zero die Steuer auf Stelvio-Niveau anhebt? Wenn ja, muss ich mir die geplante Probefahrt mit einer Zero doch noch überlegen. Schaumer mal, wie wir Bajuwaren zu Sagen pflegen…
Hoi Wolfgang,
meine altehrwürdige SR/F fahre ich in der Tat immer noch. Ähnlich wie die Autos des Irren, dessen Namen man nicht nennen darf, wird auch meine Zero mit jedem Jahr immer besser. Aktuell steht sie zwar in der Werkstatt wegen eines ausgefallenen Ladegeräts, aber nach diesem Eingriff lädt sie dann schnell (wobei „schnell“ relativ ist – aber immerhin zieht sie dann ca. 12 kW).
Mich reizen neue Verbrenner nach wie vor, z. B. eine V4-Panigale, oder auch eine Aprilia. Aber dann denke ich kurz darüber nach, und komme zum Schluss – nö, nix geht über Elektro.
Viele Grüsse!!
Hallo Jürgen,
lese deine Sachen gerne, gut geschrieben.
Hab mir vor einigen Jahren überlegt, dass meine Spielzeuge irgendwie nicht zeitgemäß sind, wenn sie ungefähr soviel Sprit brauchen, wie sparsame ausgewachsene Autos.
Hab dann geschaut, was am wenigsten braucht und bin eine der ersten SR/S und eine neue blau-weiß-rote Honda Supercub probegefahren.
Da damals die SR/S noch mit 3 KW geladen hat, und ich nach der Probefahrt bergauf nicht wusste, ob ich noch zurückkomme, hab ich mir als reisetauglicher die Supercub gekauft.
Wurde von niemandem ernstgenommen, war aber auch niemand böse, wenn man in der Stadt allen davon fuhr oder sie durch Baustellen abkürzend schob oder durch Kolonnen fädelte.
Fahren wie mit 16.
Ging auch auf Touren von Wien bis Kufstein gut, nur gerade, vielbefahrene Landstraßen waren unschön, wenn die Kolonne durchgehend mit 100 vorbeizog, weil du selbst nur maximal 95 kannst.
Der Verbrauch von 1,75 Liter hat mir kindische Freude bereitet.
Erstaunt vom Sitzkomfort, einen Tag 400km gefahren und nichts gespürt, habe bei meinen BMWs davor oft Sitzbänke gewechselt, bis es vernünftig ging.
Das Ding hat auch ein vernünftiges Fahrwerk (17-Zoll-Räder) und gute Bremsen, was ich nicht erwartet habe. In der Schweiz bei Landstraßenlimit 80 hätt ichs behalten.
Dann auf willhaben im September 2023 eine gebrauchte SR/S mit 12KW Lader um den halben Neupreis gesehen und gekauft.
Inzwischen neben einigen Tagestouren eine Tour mit 2 Kollegen mit Verbrennern von Feldkirch übers Engadin nach Bormio, in deiner Gegend rum, über Bozen und Brixen nach Cortina und zurück nach Wien.
Erkenntnis: die Dinger sind reisetauglich, auch wenn man sich drauf einstellen muss mit Lademöglichkeiten suchen. Die rund 170km Reichweite in den Bergen passen gut, nach den 2 bis 3 Stunden brauch ich eh eine Pause.
Autobahn ist von der Reichweite zu vergessen, auch langsam gefahren, aber dort will man eh nicht hin, nur wenns sein muss. Was man schneller Entfernung zurücklegt, lädt man öfter.
Als Ladekarte auf Reisen ENBW ohne Grundgebühr verwendet, kostet etwas mehr als andere, geht aber bisher überall.
Und in den Bergen lautlos ohne die umgebenden Täler zu beschallen, das lauteste das sich alle paar Meter abhängig vom Belag ändernde Reifengeräusch, das kann was.
Für Fußgänger und Radfahrer eine Fahrradklingel montiert, damit man nicht hupen muss.
Die Fahrerei mit dem Gasgriff und der Rekuperation ist schön rund.
Und die Dosierbarkeit ist von zieht, aber rollt noch nicht bis volle Wäsch absolut linear und dem runden Strich sehr förderlich.
Das kann so kein Verbrenner.
Die Entscheidung von Zero für Typ2 Laden ist in der Pampa im Alpenraum derzeit gut, ob das so bleibt, wird sich zeigen.
Ergebnis der 1400km: 5,5Kwh Durchschnittsverbrauch dank langsam auf den Verbindungsetappen und flott dort, wo es Spass macht.
Maximal 400 Tageskilometer auf der Tour, mehr wäre beim Heimflüchten vor dem Hochwasser letzten September möglich gewesen, hats zum Glück aber nicht gebraucht, waren grad noch rechtzeitig dran.
Fahre sonst jetzt eher kürzere Etappen als früher und die 200 bis 300km am Tag gehen damit gut.
Liebe Grüße aus Wien
Trioler,
vielen herzlichen Dank – Du hast soeben den bei weitem längsten und ausführlichsten Kommentar auf MotorProsa.com veröffentlicht.
Ich freue mich sehr darüber! Schön auch, dass wir die gleichen Erfahrungen gemacht haben; für mich gibt es, bei aller Faszination für das Motorrad, keinen Weg zurück zum Verbrenner mehr.
Liebe Grüsse zurück in meine zweite Heimat,
Jürgen
Hallo Jürgen,
hab erst jetzt deine Antwort gefunden, wusste nicht mehr, unter welchem Artikel ich geschrieben hatte.
Danke für dein Feedback.
„Liebe Grüsse zurück in meine zweite Heimat“ hab ich noch nicht verstanden, hast du einen Wien-Bezug?
Ansonsten hier noch ein etwas längerer Kommentar zu meinen Erfahrungen:
Die Zero läuft meist sehr schön, kann das Nervenkostüm aber auch strapazieren.
Bald mal nach dem Gebrauchtkauf mit knapp 10.000km war der einzige Händler in 200 km Umkreis insolvent.
Laderei braucht bei mir im Gegensatz zu dir oft mehrere Anläufe bis es lädt, manche Säulen sind wenig auskunftsfreudig, kein Display oder so leuchtschwach, dass man in der Sonne nichts sieht. Mal gehts, mal nicht, aber warum grad nicht, bleibt meist im Dunkeln.
Manchmal geht nur der eine oder der andere Ladepunkt, manchmal (wie in Sterzing und Cortina) gehen bestimmte Säulengenerationen (mehrere durchprobiert) gar nicht.
Dafür ist die 12KW Laderei der Zero wirklich gut für Langstrecken zu brauchen.
Reifenwechsel verlangte dem Motorradreifenhändler 2 Tage Bedenkzeit ab, um zu entscheiden, ob er es an nem Stromgefährt überhaupt macht.
Erste Heimfahrt vom Verkäufer:
Gestartet vollgeladen mit angezeigten 123 km Reichweite, nach 70 Km auf engen Sträßchen Restreichweite knapp 190 km.
Begeisterung, was die alle haben, mit der Reichweitenangst?
Nächsten Tag Freund besucht 50km im Norden, heftiger Nordwind gerade auf die Nase: Reichweite knapp 100km, Euphorie weg.
Fahrten im Winkelwerk Lenzerheide über Pässe bis Bormio mit einigen Ortsdurchfahrten (geringe Schnitte) bis 180km Reichweite.
Autobahn von Kärnten nach Graz mit viel Baustelle zwischen meist 80 und wenig 100Km/h Reichweite ganz knapp über 115Km.
(Merke, wenn nicht 80% der eigesetzten Energie in Abwärme draufgehen, merkst du die auf dich wirkenden Einflüsse viel ungefilterter als beim Verbrenner.)
Ausfahrt mit einem Freund, beginnendes leichtes Nieseln, Maschinen getauscht.
Nach 20Km bei Nebelfeuchte stellt er die Zero ab, immer noch so wenig Nieseln, dass die Regenkombi im Topcase bleibt.
Wollen weiterfahren, kein Anfahren.
Ausschalten, neu booten, 3 Fehlermeldungen, keine Bewegung, je längeres, desto weniger Reaktion am Dispay, bis gar nichts mehr geht
Die beiden Glasrohrsicherungen gezogen und wieder eingesetzt, danach gar keine Reaktion mehr.
Kollegen weggeschickt, ÖAMTC gerufen.
Nach halber Stunde im Gasthaus nochmals probiert. Bootet, Fehler wegquittiert, läuft.
Auf ÖAMTC gewartet, der meinte außer der Nummer mit den Sicherungen hätte er eh nur zur Werkstatt schleppen können.
Weil vom Straßendreck so eingesaut, bei der Tankstelle vorsichtig abgestrahlt (deutlich mehr Wasser als zuvor), war ihr egal.
Wochen später Ähnliches, leichter Regen, Fehlermeldungen (diesmal ohne Funktionsverlust), Tags drauf strömender Regen, kein Muckser.
Das Thema Isolationsfehler füllt in den Foren über mehrere Generationen Zeros viele Seiten.
Fahre zwar selten im Regen, aber unschön ist die Ungewissheit trotzdem.
Das Userinterface der Maschine inklusive Handy-App ist punkto Usability meiner Meinung nach eher verbesserungswürdig (mal zeigts aus der Ferne übers Web den Ladezustand, mal nicht, Bluetoothverbindung instabil, …), dafür ist die Bosch Steuerung (Kurven-ABS, Schleppmomentregelung, Überschlagsverhinderer sowie Traktionskontrolle) wirklich unter allen mir bisher vorgekommenen Situationen annähernd deppensicher.
Nach dem Auswintern plötzlich Luft im Antrieb bei Lastwechseln.
Da kein Händler in Reichweite im Netz recherchiert: entweder Lagerschaden am Motor (teuer!) oder vorderes Ritzel ausgeschlagen wegen bekannt schlechter Materialqualität.
Zum Glück nur das Ritzel bei 12.000km kaputt.
Das Zero-Forum auf http://www.elektroroller-forum.de hilft in solchen Situationen viel.
Jetzt nach eineinhalb Jahren zum Glück neuer Händler in Wien, Firma Faber.
Servicetermin ausgemacht, dabei Rückwärtwärtsgang eingespielt (Spieltrieb).
U.A. wurde Softwareupdate gemacht.
Nach Neusiedl gefahren (ohne Wind, gemächliche Landstraße) Reichweite 100km.
Nächsten Tag vollgeladen zum Motorradtraining, wieder knapp 100km angezeigte Reichweite bei 80-90km/h.
Stress kam auf wegen geplanter Seealpentour im September mit 4 Kollegen, bei der jetzigen Reichweite geht sich das nicht mehr sinnvoll aus.
Beim Aufladen vor dem Training normal bis 88%, dann Ladeleistung von 9KW auf 0, auf 9 auf 0, …
(Ganz anders als das bisherige langsame Reduzieren)
Bei 93% abgebrochen.
Fahrtechnikparcours sehr eng gesteckt. Toll zu fahren mit der Dosierbarkeit, Dank an die Trainer der motorisierten einspurigen Polizei in Österreich, die in ihrem Verein VFV auch Zivilisten was beibringen.
Retour bei der selben Ladestation wie am Vormittag gehalten, kein Laden auf beiden Säulen.
Nach 20 Minuten erfolglosem Probieren mit 50km/h heimgerollt.
Nächstes Laden hat wieder funktioniert.
Heimfahrt nach Wien, angezeigte Reichweite nun wieder um die 230km.
Zu Faber gestellt wegen dem komischen Laden und Reichweitenanzeigen.
Vor einigen Tagen kam die Info, dass der Akku nun zum Ablauf der 5 Jahre noch auf Garantie getauscht wird. (Meine war scheinbar eine der wenigen 14,4kWh, die noch den originalen Akku hatte, die Reichweite war für mich OK)
Trotzdem Danke an Zero und Faber.
Für die rund 4000 bisher zurückgelegten Kilometer doch einiges mehr an an Drama als bisher von meinen Verbrennern gewohnt.
Aber für ein so seltenes Teil mit viel neuer Technik brauchts scheinbar (bei einigen Besitzern) etwas Leidensfähigkeit und die Bereitschaft sich damit auseinanderzusetzen und gewisse Eigenheiten anzunehmen.
Liebe Grüße und gute Fahrt in den Vinschgau
Walter
Die Dynamik, das Dahingleiten und mehr sind eigentlich genau mein Ding.
Allerdings werde ich mir kein Elektromotorrad anschaffen. Für das, wie ich mein Motorrad nutze passt es ( noch ) nicht. 170 km Reichweite und das auch nur mit Bergabfahrt und in der Windschleppe hinter einem LKW. Wie sind denn die Ladezeiten ?. Davon hab ich nichts gelesen. Ich bin auch schon mal 500-800 km
am Tag unterwegs. Übrigens, leises dahingleiten geht auch mit einem Verbrenner. Es gibt ja ein Getriebe und im hohen Gang dahinrollen geht ja auch
LG Bitzer
Es freut mich zu hören, dass du einen Tag lang die Zero SR/F Premium in den Südtiroler Bergen erlebt hast. Elektrische Motorräder wie die SR/F sind wirklich faszinierende Fortbewegungsmittel, die die Zukunft der Mobilität gestalten. Deine Eindrücke von dieser Erfahrung sind sicherlich interessant zu hören.
Das Aufladen von Elektrofahrzeugen kann manchmal eine Herausforderung sein, insbesondere in ländlichen Gebieten oder wenn die Infrastruktur nicht ausreichend entwickelt ist. Es wäre interessant zu erfahren, wie du mit der Batterielebensdauer und der Ladeinfrastruktur in den Südtiroler Bergen zurechtgekommen bist. Hast du die Reichweite des SR/F während deiner Fahrt gut einschätzen können? Gab es genügend Ladestationen für unterwegs?
Wie ich das liebe und das von einem langjährigen „Benzingeschwängerten“ Motorradenthustiasten zu lesen….Wie das erste Fahren mit einer Zero SR/F, ein neues Gefühl für das Fahren in den Bergen mit den Alpenpässen bringt…..Herrlich! Fahre z.Zt. noch ein kleines Motorrad aus China mit einem neuen Akku von einem Akkuspezialisten. Selbst die bringt mich seit 3 Jahren beim Fahren entspannt nach Hause zurück. Gruss
Hallo Jürgen,
den Artikel lese ich immer wieder gerne! Nach einem Jahr Zero SR/S geht es mir noch immer genau so. Nur die Pässe sind bei mir nicht ganz so nah.
Grüße aus Oberschwaben
Andreas
Vielen Dank für Deine ausführlichen Eindrücke.
LG Bernhard
Genau deswegen liebe ich meine Zero…
Wirklich toll beschrieben!
Wow! Das ist Schreibkunst bester Güte! Und ja, Du hast mich neugierig gemacht – auch wenn ich das ja eigentlich schon eine ganze Weile bin. Sehnsüchtig warte ich auf eine Maschine, welche dann mal bis 300 km schafft, damit ich mit ihr auch ohne grosse logistische Pläne eine Tagestour mit Fahrgästen – dann hoffentlich wieder aus aller Welt – anführen kann.
Vielen herzlichen Dank für diesen kontrastreichen und sehr informativen Bericht!
Beste Grüsse aus dem Süden der Schweiz!
Danke! Jetzt muß ich das Teil doch mal ausprobieren… dein Bericht macht mich elendig Neugierig!