Der letzte Motorradfahrer

Ein alter Motorradfahrer und seine Maschine vor verschneiter Bergkulisse
Lesedauer // Reading time: 6 Min.

Ein alter Motorradfahrer, eine Maschine voller Geschichten und eine Straße, die eigentlich niemand mehr braucht. Ein melancholisches Gedankenspiel aus der Zukunft über Erinnerung, Vergänglichkeit und die wahrscheinlich letzte Fahrt.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Es begann irgendwann in den 2000ern: Immer mehr Sensoren und ausgefeilte Software drängten in die Blackboxen von Motorrädern und ließen sie mit der Zeit unstürzbar werden. Theoretisch. Auspuffe wurden leiser und verschwanden wegen Elektromotoren letztendlich komplett. Die aufrechten Streiter für „richtige“ Motorräder verloren den Kampf gegen die Zeit.

Die Straßen der Gegenwart, fünfzig Jahre später, waren längst für autonomes Fahren optimiert: kurvige Verläufe verschliffen, gefährliche Abschnitte eliminiert, Führungslinien überall. Künstliche Intelligenz sorgte für Verkehrsströme ohne Reibungsverluste, jedes Fahrzeug wusste, wo im Schwarm es sich befand und wie es darin in Lücken stoßen konnte.

Die meisten Menschen liebten diese neue Welt. Denn sie nahm ihnen Entscheidungen ab und machte vieles bequemer. Wer sollte im überwachten und sicheren Unterwegs-Sein noch ein Motorrad steuern, mit buchstäblich vollem Körpereinsatz bedienen wollen? Man konnte sich endlich in – im Wortsinn – Automobilen herumfahren lassen und auf riesige Displays blicken, die aus allen Rohren Entertainment abfeuerten.

Bequeme
 neue Welt

Hoch oben, in den Alpen, verliefen Täler, die der Fortschritt bedeutungslos gemacht hatte. Sie lagen abseits des zügigen Vorankommens, ihre Straßen hatten ihren Sinn verloren: Die alten Routen über die Berge hatte man in Tunnel verlegt. Die Witterung konnte am Asphalt dieser vergessenen Wege ungestört nagen, ihm Risse beibringen, ihn bleichen. Sand und Dreck wurden erst von heftigen Regengüssen weggespült. Versteckte Strecken für Menschen, die genau hier – und noch selbst – fahren wollten.

Der Fahrer des in einer kleinen Parkbucht ausrollenden Motorrads gehörte zu ihnen. Er war schon weit über siebzig, aber er stieg mit dieser Geschmeidigkeit von der Maschine, die sich nur ergibt, wenn etwas tausendmal genau so getan wurde. Er setzte sich auf einen liegenden Baumstamm, blickte dann lange in die ihn einkreisende Bergwelt. Seine Augen wurden von den gleißenden Schneefeldern in Schlitze gezwungen, seine Stirn legte sich in Falten.

Wie oft er schon hier war, sich von der Sonne wärmen oder von den Fallwinden kühlen ließ, wussten weder er noch irgendeine Software. Er fuhr ohne Navigationssystem und Smartphone, sein Motorrad funktionierte vollkommen mechanisch, vom Zündschloss bis zu den Zeigern in Tacho und Drehzahlmesser. Hier, auf „seinem“ Belvedere, wäre auch niemals Platz für Displays oder Ortungsdienste gewesen – hier dachte er spazieren und tauchte in seine Erinnerungen ein.

Nach wenigen Minuten verstummte das Knistern der abkühlenden Auspuffrohre, den Geruch verdampften Kettenfetts trug der Wind fort. Für den Alten war es schon immer unvorstellbar, unterwegs sein, ohne Gedanken freizulassen und neue zu erhalten. Er genoss diese Pausen an seinen Lieblingsorten unendlich. Doch heute kämpfte er mit Schwermut; er wurde das Gefühl, dass seine Zeit im Sattel dieses Motorrads nun enden würde, nicht los.

Den roten Lack des Motorrads durchzogen die Narben zahlloser Fahrten, die Front war von kleinen Steinschlägen übersät. Teerflecken hatten sich in den Stahl des Auspuffs gebrannt, die einst goldene Farbe von Kupplungs- und Bremshebel war blankem Metall gewichen. Dieses Motorrad war für den Alten kein Fahrzeug mehr, sondern ein Archiv von Erinnerungen. Er legte seine Hand auf den Tank.

Die Bilder von überfüllten Dolomiten-Pässen kamen ihm in den Sinn, der Geschmack des Apfelstrudels in der Tibethütte und der Gestank des überkochenden Kühlwassers nach schnellen Fahrten. Er erinnerte sich an fremde Gesichter, die nach wenigen Minuten wie alte Freunde wirkten, weil Motorradfahrer sich immer aus dem Stand über völlig belanglose Dinge unterhalten konnten.

Ein Archiv
 von Erinnerungen

Er dachte an die erste Fahrt nach dem Kauf, damals, mit Mitte 20. Nachts fuhr er sein bis dahin teuerstes Motorrad nach Hause: den Gegenwert von zwei Jahresgehältern. Er erinnerte sich an die Touren in die Fränkische Schweiz und an die tausendfach durchfahrenen Kehren des Stilfser Jochs, an die Adrenalinkicks auf der Rennstrecke und an das ruhige Motorradwandern durch die Innerschweiz.

Lesen im Archiv von Erinnerungen
Lesen im Archiv von Erinnerungen

All das hätte er mit jedem anderen Motorrad auch erlebt – vieles wäre sogar einfacher und bei weitem nicht so teuer gewesen. Doch alle anderen Motorräder hatte er schon verkauft. Nur an dieser Maschine hing er sehr. Sie lief noch immer einwandfrei, auch wenn sie vielleicht einen Tropfen Öl mehr als üblich verbrauchte. An das harte Fahrwerk, die sensiblen Bremsen und die doch etwas extreme Sitzposition hatte sich der Alte in vielen Jahrzehnten gewöhnt. Er fühlte sich auch jetzt auf diesem geschundenen Pfad wie verwachsen mit der Maschine.

Doch die Welt um sie herum war verschwunden. Tankstellen, die Benzin mit 98 Oktan vorrätig hatten, wurden immer weniger. Es gab in der Gegend schon lange keine Werkstatt mehr, die an dieser Maschine das Ventilspiel einstellen konnte. Die Teilenummern für die wichtigsten Ersatzteile hatte er im Kopf, aber wahrscheinlich gab es im ganzen Land niemanden mehr, der sie noch hätte bestellen können. Der Alte hatte Restbestände aufgekauft, Dichtungen und Filter eingelagert und Sturzteile gehütet, als würden sie aus Gold bestehen. Jahr um Jahr hatte er so die nächste Saison noch möglich gemacht. Immer noch einmal.

Doch irgendwann wird immer ein „zum letzten Mal“ daraus. Er wusste, dass dieser Moment nun gekommen war.

Immer
 noch einmal

Das stolpernde Motorengeräusch unterbrach die Stille. In Zeiten der schweigenden Elektromobilität waren ein derartig lauter Auspuff und diese klappernde Kupplung ein Anachronismus – und für viele schlicht und ergreifend nur Lärm. Der Alte aber schloss kurz die Augen, denn für ihn war es die akustische Begleitung seit Jahrzehnten, der Soundtrack von Dynamik und der Freiheit, jede Straße in Schräglage nehmen zu können.

Er verließ den Parkplatz und spielte das Instrument. Er veränderte mit wechselnden Drehzahlen die Tonlage des Motors, ließ die Ansaugrohre dumpf und laut stöhnen und zerhackte den Klang mit präzisen Schaltvorgängen. Zehntausende Male schon zupfte die rechte Hand am Gas, zog der linke Mittelfinger am Kupplungshebel und steppte der linke Fuß auf dem Schalthebel. Meist fehlerfrei, irgendwann virtuos. Auf jeder Fahrt ein wenig anders interpretiert und immer vertraut klingend.

Beim Spiel mit den Schräglagen, den Drehzahlen, dem Sound der Endtöpfe und dem Sirren der Bremsscheiben wechselte seine Wehmut zu Dankbarkeit. All die Jahre fand er stets neue Traumstraßen. Niemals ging er zu Boden. Wartung und Pflege der Maschine kosteten ihn ein Vermögen, doch er wurde reicher beschenkt.

Sein Archiv war komplett. Die Straßen waren gefahren, die Kurven gefeiert, die Geschichten geschrieben. Es fühlte sich gut an, auch wenn es die letzte Ausfahrt gewesen sein sollte. Er stellte das Motorrad in der Garage ab, legte seine Hand nochmal auf den Tank und zog dann den Zündschlüssel ab. Der Soundtrack glühte in ihm nach. Wie immer, nach jeder Fahrt.

Die Maschine würde irgendwann verstummen. Die Geschichten nicht.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

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