
Es gibt ein geflügeltes Wort: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ Da ist etwas dran; auf dem Weg rund um den Monte Scorluzzo wurde mir klar, was sich oberhalb des Stilfser Jochs verbirgt: eine gewaltige Bergwelt, die Spuren eines lange vergangenen Krieges – und mein erster Dreitausender. Eine Wanderung, die weit mehr hinterließ als einen mächtigen Muskelkater.

Seit ich Motorrad fahre, ist das Stilfser Joch eines meiner liebsten Ziele. Im Grunde habe ich in seinen Kehren das Motorradfahren gelernt; schon immer habe ich jeden freien Moment genutzt, um mich in seine Kühle zu schwingen.
Auch der Besuch der Dreisprachenspitze war in den Anfängen meines Unterwegs-Seins Teil meiner Fahrten. In diesem urigen Haus mit seiner riesigen Sammlung von Kriegsexponaten habe ich unzählige Portionen Polenta gegessen und mit meinen Sozias mindestens ebenso viele Sonnenuntergänge bewundert.
Den Monte Scorluzzo, vis-a-vis dominant da stehend, habe ich bisher ignoriert. Es war halt einfach ein Berg, ohne Gastwirtschaft oder romantische Terrasse für Sonnenuntergänge. Seinen Namen kenne ich nur, weil in den 1990er Jahren an seiner Nordflanke die lustige Sportart „Chilometro lanciato“ betrieben wurde: Mit über 200 km/h auf Skiern ins Tal. Verrückt.
Doch heute fahre ich weder Motorrad noch Ski. Ich bin im Trecking-Outfit und in Begleitung von steph, meiner lieben Motorrad-Kollegin. Üblicherweise verunsichern wir um diese Jahreszeit mit unseren Ducatis die Zentralschweiz, aber heute blicken wir auf das in 3094 Metern Höhe schimmernde Scorluzzo-Gipfelkreuz.
Kriegsschauplatz
Monte Scorluzzo
Warum wir jetzt da hoch wollen, hat auch mit dem Film „Das Stilfser Joch – Abseits der Kehren“ zu tun. Wer jemals rund um die Dreisprachenspitze auf den Spuren des Ersten Weltkriegs unterwegs war, muss dies auch auf dem Monte Scorluzzo tun. Er bietet einen freien Blick auf das Stilfser Joch, den Umbrailpass und einen Teil des Brauliotals, entsprechend wurde in den Kriegsjahren um jeden Meter seines Felsen gerungen.
Schon die ersten Meter, unmittelbar hinter der Talstation der Seilbahn, sind mit ihren 35% Steigung eine schenkelwärmende Ansage. Der unbefestigte Fahrweg hoch zur Mittelstation führt uns an den Resten einer Geschützstellung und, wenig später, am dahinsiechenden Rifugio Compagnoni vorbei. Verfall scheint am Stilfser Joch Thema zu sein …
Umeinander kreisend und permanent ins Rund blickend, um nichts von der minütlich beeindruckender werdenden Landschaft unbetrachtet zu lassen, gewinnen wir an Höhe und erreichen den Passo delle Platigiole. Von ihm habe ich zu meiner Schande noch nie gehört.


Dort zweigt der Pfad zum Scorluzzo-Gipfel ab. Aufgrund der Höhe des Stilfser Joch ist er sehr nahe, der Wegweiser nennt lediglich 30 Minuten Gehzeit. Steph und ich benötigen trotzdem mehr als doppelt so lang: Wir halten immer wieder an, staunen über die Bergwelt, verfolgen vorbeisegelnde Bartgeier und versuchen, die auffällig lauten, aber unsichtbaren Schneehühner im Fels auszumachen. Schwierig.
Das wird eine neue Erfahrung für mich. Ich verliere meinen Blick in der Steinwüste, muss als Berg-Neuling jeden Schritt konzentriert setzen. Die am Rand des Steigs lose daliegenden Felsfragmente nötigen mir Respekt ab. Noch mehr aber beeindruckt mich die Aussicht über das Valle dei Vitelli, das sich nahezu unendlich in südwestliche Richtung ausdehnt – grau, von Gletschern aus dem Berg geschliffen und karg, vegetationslos.

Im Geröll liegen rostige Metallstücke und graues Holz. Wir entdecken die Reste von Schützengräben und Stellungen, seit Jahrzehnten den Naturgewalten ausgeliefert, aber immer noch erkennbar – und demütig machend. In diesen engen Schlupflöchern, Wochen und Monate verbringen, Ausschau nach dem Feind halten, Tag und Nacht, Sommer wie Winter? Das ist unvorstellbar für mich; und irgendwie fühlt es sich falsch an, hier zu fotografieren.
Doch hier beginne ich auch zu begreifen, wie groß diese Landschaft ist. Ich stehe einfach da und blicke in die Tiefe: Die Straße zum Stilfser Joch zeigt sich dünner Strich, ihre Kehren wirken filigran. Die Gebäude an der Abzweigung zum Umbrailpass sind kaum auszumachen. Am Horizont hinter der massiven Rötelspitze breitet sich der Alpenhauptkamm aus – und ich ahne, dass Menschen genau wegen solcher Anblicke auf Berge steigen.

Dass meine Beine brennen und meine Lunge schmerzt, wird unwichtig. Meine langsamen Schritte passen in diesem Moment perfekt, denn ich betrachte Lieblingsorte aus einer neuen Perspektive, gerahmt von spektakulärer Landschaft. Und dann werde ich unter dem Gipfelkreuz kurz emotional, denn auf einem Dreitausender stand ich bisher noch nie.
Mein erster
Dreitausender
Ich kann mich dort im Kreis drehen und in jeder Himmelsrichtung Bekanntes neu bestaunen: die Weißkugel im hinteren Matschertal, die gleißend weiße Berninagruppe und die gewaltige Eiskappe des Ortler. Und ich verorte zwischen den zahllosen Gipfeln die Täler meiner Heimat. Das sind nahegehende Momente.
Nur ist der Gipfel nicht unser eigentliches Ziel: Wir wollen das Scorluzzo-Massiv auf dem militärhistorischen Wanderweg umrunden. Der Schweizer Verein Stelvio-Umbrail 14/18 bemüht sich seit September 2000 darum, die Spuren des Ersten Weltkrieges in dieser Region zu sichern und zugänglich zu machen. Ein wertvolles Angebot.
Wir steigen also hinter dem Gipfelkreuz wieder ab. Und es geht ordentlich abwärts: Zwischen scharfkantigen Felsen suche ich Halt an Stahlseilen, vermeide den Blick in die Tiefe und überwinde mehrmals diesen „das wag ich jetzt nicht“-Moment. Das gelingt ziemlich gut – meine Höhenangst dringt nicht durch. Auch sind die landschaftlichen Eindrücke und der Gedanke an das, was wohl noch kommen mag, viel zu mächtig. Dass ich mir genau ansehen kann, wie sich meine Bergführerin steph im Gelände bewegt, hilft ebenfalls sehr.

So passieren wir Engstellen, Stufen, Abgründe. Kommen an Löchern im Fels vorbei, die im Krieg als Unterstand gedient haben mögen oder von einschlagenden Granaten gerissen wurden. Wie haben sich Soldaten in diesem ausgesetzten Steinhaufen wohl bewegen können, mit ihren schweren Uniformen, bewaffnet und – so vermute ich – immer nachts, immer in Eile? Für uns ist es ein etwas engagierterer Spaziergang: in dünner Funktionskleidung, mit griffigen Stiefeln, leichtem Gepäck und bei sommerlichen Temperaturen. Aber damals, in der Kälte des hochalpinen Kriegswinters? In ständiger Lebensgefahr?
Rostiger Stacheldraht legt sich über den Fels. Er stammt nicht von Bauarbeiten der Neuzeit, er liegt seit über 100 Jahren bei der sogenannten Feldwache, der Verteidigungslinie der österreichischen Soldaten. Ein eindeutiges Zeichen für die Italiener, die sich einige Hundert Meter Luftlinie weiter unten in den Stein gegraben hatten: Bis hierher und nicht weiter.

Steph und ich steigen weiter, in einen Bereich ohne erkennbare Stellungsbauten, ab. Rechts von uns fällt eine gewaltige Schotterhalde ab, läuft in der Tiefe in eine weite, nun braun gefärbte Ebene aus, mehrere Seen glitzern im vormittaglichen Sonnenlicht.
Gedanken
an gestern und heute
Dieser Gegensatz, dieser Vergleich, dieses Hin- und Herdenken zwischen Kriegsjahren und Gegenwart, wird mit jedem Meter präsenter. Während sich gegenüber auf dem Cristallo-Gletscher Skifahrer in kreative Schwünge legen, folgen wir gemauerten und einst wohl überdachten Laufwegen. Während gegenüber der Lift die Wintersportler zurück in die Höhe zieht, ziehen sich hier schmale, knapp mannstiefe Gräben durch den Grat. Wie flüchtete man in einem nur schulterbreiten Steingang, bei einem feindlichen Angriff?
Am Rand eines dieser Laufgänge stehend, kommen mir die Anstrengungen der Soldaten in den Sinn, die diese Bauwerke in den Fels treiben mussten: Mit dem Feind im Rücken das vereiste Gelände freilegen, Gänge in den Berg graben, Steine für die Stützmauern finden, alles unter lebensbedrohlichem Zeitdruck – wie hat man das schaffen können?

Wir klettern eine wüste Felsnadel empor, verlassen dahinter das Gebiet der Kampfhandlungen. Kurz danach finden wir die Mauern von einstigen Unterkünften, teils eingestürzt, teils dem Verfall trotzend. Tausend Steine, exakt ausgerichtet und ein Jahrhundert überdauernd aufeinander geschichtet, als Ruhe- und Verpflegungsräume für die Alpini. Ich stelle mir vor, was sich die Männer in diesen Räumen erzählt haben: Geschichten, vermutlich voller Angst, Verzweiflung und Sehnsucht nach Frieden und einer besseren Welt.

Weiter abwärts. Waren es an der Westflanke des Scorluzzo die brennenden Schenkel, schmerzen nun meine Knie. Ich versuche, Gewicht in die Stöcke zu bekommen, doch das brüchige Gelände wehrt sich. In kürzester Zeit lerne ich alles über Trittsicherheit – auf einem Grat, der beidseitig Dutzende Meter in die Tiefe fällt. Erfahrene Berggänger, die uns begegnen, zeigen mir, wie’s geht – schnell, wie schwerelos, als wäre es tatsächlich nur ein Spaziergang.
Unter uns, auf einer Felskuppe, liegt schließlich das Highlight dieser Wanderung. Hoch über dem Brauliotal, mit einem irrsinnigen Panorama über selbiges, in mehreren Stufen und großzügig angelegt – ein ehemaliges Alpinidorf, das „Machu Pichu des Stilfser Jochs“. Der helle Pfad im Geröll wird uns direkt dort hin bringen, und dort werden wir uns ausgiebig erholen.
Ich schnüre meine Stiefel enger, für den Abstieg.

Was uns dort erwartet, ist unerwartet: Exakt ausgerichtete Mauern, ohne einen Tropfen Mörtel errichtet, in Form von kleinen Häusern, kleben am Abhang. „Abhang“ ist bewusst gewählt; wir blicken in die tief unter uns liegende Braulioschlucht und auf die sich den Diroccamento entlang schlängelnde Straße. Hundertmal bin ich sie gefahren, aber nicht ein einziges Mal habe ich den Blick gehoben und diesen architektonischen Wahnsinn entdeckt.
Hier scheint die Zeit gestolpert zu sein. Als hätte jemand einfach nur die Holzdächer und -türen entfernt. Verbindungswege, Schutz- und Stützmauern, Durchgänge, Fenster – alles noch vorhanden. Ein magischer Ort mit einer unmenschlichen Geschichte; hier durften sich die Alpini wohl erholen und zu Kräften kommen, bevor sie wieder hoch zur Front mussten.
Was dem Menschen alles einfällt und wozu er – nicht nur im Kriegsfall – in der Lage ist, ist verstörend. Schweigend, nur in wenigen Momenten einander zuflüsternd, blicken wir in die Unterkünfte, lauschen dem Knacken der Steine unter unseren Füßen. In einigen der Ruinen wachsen Disteln, verrückte Alpendohlen stürzen sich von den Mauern in die Tiefe. Die Wand in Richtung Scorluzzo ist meisterlich vermauert, in Richtung Bormio öffnet sich die Anlage und blickt auf die imposante Berninagruppe.
Ob die Alpini in den Kriegsjahren überhaupt Augen dafür hatten?

Als ob sie uns mitteilen möchten, dass es nun friedlich ist, liegen Steinböcke auf einem Plateau tief unter der Siedlung. Während von der Straße Motorgeräusche als nicht verstummen wollendes Hintergrundrauschen in die Höhe dringen, scheint ihnen die Sonne auf den Pelz.
Wir bleiben gefühlt für Stunden dort. Ich habe meine Schuhe ausgezogen, lasse mir den Wind um die überhitzten Füße wehen. Steph streunt durch die alten Gassen und Gebäude, staunt, fotografiert. Wir sind gerne hier. Doch der Großteil der Tour liegt noch vor uns.
Vom Alpinidorf führt ein zunächst gut passierbarer Weg in die Tiefe, geht aber dann in eine steile Geröllhalde über. Bei jedem Tritt hoffe ich, dass die Steine unter mir nicht nachgeben – die Gämsen im Fels werden sich ob meinem Gestocher totlachen. Das hier ist einfach nicht das optimale Terrain für jahrzehntelang unbewegte Büromenschen.
Am Fuß des Scorluzzo wird es aber dann buchstäblich weich. Die in den Herbst wechselnde Vegetation federt unsere schweren Schritte ab, der flache Verlauf über die Alm, entlang von glasklaren Seen und Wasserläufen, lässt uns ohne Anstrengung vorankommen. Einzig der Blick in die Braulioschlucht fesselt und stoppt mich ständig. Kaskaden von Gebirgen verschwinden im Dunst des Nachmittags, die Sonne taucht alles, selbst das Licht, in eine angenehme Wärme.



Erst als sich der Pfad in Richtung Osten dreht, weicht dieser fesselnde Anblick. Und wird von der unendlich scheinenden Geröllwüste des Piz Umbrail abgelöst: Über Kilometer hinweg löst sich der Berg auf, rieselt als grauer Schotter zu Tal. Und irgendwie führen von überall her Wanderwege durch den Landstrich, im Farbenwechsel des Herbsts treten sie deutlich hervor, wie versteckte Botschaften, es nicht bei dieser einen Tour zu belassen.

Nochmals zwingt mich der Anblick eines Bergs zum Innehalten. Nach dem kurzen Anstieg aus einem Felsenmeer taucht erneut die Eiskappe des Ortlers vor uns auf, füllt gefühlt den Horizont. Die Hotels des Stilfser Joch wirken wie Puppenhäuser, die Dreisprachenspitze scheint nur einen Steinwurf entfernt über dem Pass zu liegen. Es liegen knapp 10 Kilometer Luftlinie zwischen uns und dem Ortlergipfel – und doch erscheint er zum Greifen nah.

Aus dem zwischen Findlingen eingesperrtem Pfad wird für ein paar Hundert Meter eine breite Fahrstraße. Wir queren das Gelände, halten uns länger bei der Madonna delle Neve, einem Kunstwerk mit marmorner Madonnenstatue, auf. Im Wasser eines weiteren, glasklaren Sees entdecken wir Kaulquappen. Kaulquappen, jetzt im Oktober? Ich gerate ins Grübeln.
Und wir kommen dem Ende unserer Wanderung gefühlt keinen einzigen Schritt näher. Die letzten Kilometer, es werden wohl zweieinhalb sein, werden zum herausfordernden Wechsel von Gefällen und Steigungen. Meine Füße platzen, stephs Knie schmerzen, wir sind rechtschaffen erschöpft.

Da oben, hinter dem ersten Hotel, würde mein Auto parken und diese Wanderung durch ein längst vergangenes Kapitel Europas enden. Doch die Schritte werden immer schwieriger. Vielleicht brauchen wir einfach nur noch einen Moment ..
Die Tour
in Kürze
- Start: Stilfser Joch
- Dauer: ca. 5 bis 7 Stunden
- Schwierigkeit: T2 bis T3
- Voraussetzungen: Gute Kondition und Trittsicherheit
- Highlights: Militärische Stellungen, Schützengräben, das geheimnisvolle Alpinidorf und spektakuläre Ausblicke auf die Berge
Links
zur Tour
- Abseits der Kehren 2 – Auf den Spuren von Standschützen und Alpini
stephs Gedanken zur Wanderung im Video - Wanderweg Scorluzzo
Umfangreiche Informatioen vom Vereins Umbrail-Stelvio 14/18 - Alpengasthof Tibethütte
Bester Ausgangspunkt für diese Wanderung – und für das Stiefelbier danach