Erinnerungen an Alex Hill

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Lesedauer // Reading time: 7 Min.

Vor über 20 Jahren traf ich in einem Motorradforum auf Alex Hill, las freundliche, hilfreiche, überlegte Zeilen von ihm. Es entstand eine schöne Freundschaft. Unsere Fahrten – auf offener Straße oder auf der Rennstrecke – verliefen häufig wahnsinnig und endeten bisweilen schmerzhaft, waren aber immer lustig. In den letzten Jahren wurde es ruhiger zwischen uns, der Kontakt aber blieb bestehen.

Unfassbar – Alex ist letzte Woche einer schweren Krankheit erlegen.

Das Symbol von MotorProsa: die Füllfeder.

Supermoto
 2002

Es ist das verrückteste Bild in meinen Erinnerungen: ein Trupp Supermotos brennt in Richtung Stilfserjoch. Vorne weg Lukas, der Wildeste aus dem „Kakerlak-Racing-Team“, dahinter legen sich Johann, Markus und ich die Karten. Mitten drin: Alex auf seiner Yamaha XJR. Nicht nur, dass diese mindestens doppelt so schwer wie meine Supermoto ist, Alex überragt mich auch um einen Kopf, und in seiner Lederkombi könnte ich mich unbemerkt umdrehen.

Der wahre SuMo-Ringer in dieser Gruppe ist also er.

Es hebt ihn mehrmals aus dem Sattel, Hauptständer und Auspuff-Rohre werfen Funken nach mir, sein Hinterreifen schreibt schwarz in den Asphalt und geht in weißen Rauchwolken auf. Er will Lukas, der damals in einer regionalen Supermoto-Meisterschaft erfolgreich umrührt, unbedingt folgen – und dieser erhöht den Rhythmus Kehre um Kehre, sodass ich schließlich nicht mehr mithalten kann und beide ziehen lasse.

An der Engstelle hinter dem „Weißen Knott“ finden dann der Lenker der geprügelten XJR und die Felswand nicht aneinander vorbei. Ein Begrenzungsstein stoppt den Flug der Yamaha, Alex landet unter der Frontschürze eines entgegenkommenden Wagens.

Nach großem Hallo müssen wir Alex an den Beinen unter dem Auto hervorzerren – wegen seiner Gicht kann er sich nicht bewegen, die Knochen seiner rechten Hand, so stellt sich später heraus, sind arg zertrümmert. Trotzdem kümmert er sich als erstes um den Fahrer des Audi, bevor er mit einem Grinsen im Gesicht ein „Ich hätt‘ Lukas gleich eingeholt!“ hervorbringt.

Keine Stunde vor dem Crash tauschte ich an der Yamaha die zu weichen Gabelfedern und das dünne Gabelöl aus. Ich war und bin zwar kein Mechaniker, aber Alex vertraute mir und ließ mich interessiert machen. Auf mein bleiches Gesicht an der Unfallstelle reagiert er mit „An Deiner Schrauberei liegt es nicht – die XJR lag wie ein Brett!“

Trümmerbruch in der rechten Hand also. „Kommt frisches Titan in den Körper – ich lass mir ‚was spritzen und fahr‘ nach Hause“.

Die Chirurgen der Frankfurter Uni-Klinik kannten ihn schon – er meinte, es gäbe wenig Knochen, die während seiner Rennrad-Karriere nicht zu Bruch gegangen wären. „Die kennen sich bestens aus“. Wir bringen ihn in der Nacht nach Landeck, wo er seinen VW Jetta inkl. Anhänger übernimmt und auf die Autobahn fährt. Die Automatik seiner Jette wäre „praktisch für Bruchpiloten“ – einzig der notwendige Tankstopp macht ihm Sorgen, er trägt den Unterarm in Gips und ist vollgepumpt mit Schmerzmitteln.

Er kommt – natürlich – gut in Frankfurt an.

Rheinring
 2003

Alex fährt parallel zur 1300er Yamaha eine Aprilia RSV Mille R – den italienischen Racer für größer gewachsene Herren. Racers gonna Race, also treffen wir uns mehrmals am Anneau du Rhin im Elsass und kreuzen die Klingen auf der wundervollen französischen Rennstrecke.

Was Alex auf den Geraden an Vorsprung herausfährt, hole ich mir auf der Bremse und in den Kurven wieder zurück. Alex‘ Rheuma schränkt seine Beweglichkeit etwas ein – er kann sein Gewicht nicht schnell genug verlagern und muss viel mehr Schräglage als ich fahren.

Alex auf dem Knie

Alex auf dem Knie

Verrückte Erinnerungen auch hier: Die Strecke führt durch ein Kurvengeschlängel in eine 180-Grad-Kehre, die dann zu einer langen Gerade wird. Während eines Turns bremst sich eine bestialisch marschierende Moto Guzzi vorbei und setzt sich zwischen Alex und mir. Synchron gehen wir in Schräglage, aber Alex legte seine Mille derartig um, dass der Auspuff-Endtopf aufsetzt und eine weiße Linie in den Asphalt zieht. Der Hinterreifen quittiert das mit einem Rutscher, Alex stürzt. Die hinter ihm Feuer gebende Guzzi kickt die rotierende Mille in die Reifenstapel – und überfährt Alex, der mitten auf der Strecke liegt. Ich finde irgendwie einen Weg durch Motorräder, Plastikteile und Fahrer – und befürchte Schlimmes.

Alex liegt später grinsend im Krankenwagen. Sein Fuß blau angelaufen, die Hand schmerzt, Finger und Rippen gebrochen, aber hey – „Hast Du DIESE Schräglage gesehen?“

In der Nacht fahre ich in die Klinik. Ich weiß nicht so recht, was zu tun ist, Französisch spreche ich nicht – aber zumindest seinen Kulturbeutel sollte er bei sich haben. Im dunklen Park vor der Klinik torkelt mir eine große, weiße Gestalt entgegen: Alex im Klinik-Nachthemd, benebelt von Schmerzmitteln und überzeugt, zu Fuß an die Rennstrecke zurück zu müssen.

Ich mag mich irren, aber es wäre typisch Alex, dass er sich wegen dieses Sturzes seine Nobel-Aprilia gekauft hat: Eine RSV Mille R Haga-Replica, mit besserem Fahrwerk und zwei schlanken, hoch verlegten Auspuff-Rohren, die noch mehr Schräglage zulassen.

Die Haga

Seine Haga hat ihn über viele Rennstrecken und immer wieder auf „seinen“ Feldberg geschossen – wenn sie nicht grad im Wintergarten seiner Wohnung auf bessere Straßen wartete. Alex hat mich wohl zu jedem seiner Rennstrecken-Auftritte eingeladen, bot mir Unterkunft, Mitfahrt in seiner Jette und einen Platz für die Duc auf seinem Anhänger an. Mein schmaler werdendes Budget gab es leider trotzdem nicht her.

Ich fuhr seine Haga während eines Besuchs von ihm und Alex, seiner Partnerin. Er fand es praktisch, dass seine Liebste den gleichen Namen trug wie er – vergessen ausgeschlossen. Bevor er mir den Schlüssel seiner Aprilia in die Hand drückte, sollte ich mit meiner Ducati und Alex, also ihr, den Reschenpass hoch fahren. Also, „richtig“ hochfahren. Danach das Gleiche nochmal mit der Haga.

Wir haben alle drei gemerkt, dass wir bereits das richtige, zu uns passende Motorrad fahren. Die Aprilia war mir zu groß, zu lang, zu stark – Alex, also ihr, war die Ducati zu schwach und zu nervös, und Alex, also er, fand keinen Platz auf meiner Duc.

Mit Alex & Alex folgte ich den Spuren meiner verrückten Ritten Race Days. Alles, was wir auf dieser Tour zelebrierten, ist mittlerweile verjährt, aber nicht vergessen: die selbst von mir als Nichtraucher dringend benötigte Rauchpause am Ausgang des Eggentals, nach Halt suchend an die Leitplanke gelehnt, werde ich immer erinnern …

Farewell

Alex hat mich während meiner irrsten, schnellsten Motorradzeit begleitet. Er wusste ALLES über seine Motorräder, Reifen, Zubehör, Rennstrecken. Er fuhr bei jeder sich bietenden Gelegenheit, seine XJR dürfte weit über 200.000 km auf dem Tacho stehen haben.

Das knochenbrechende Rennrad-Fahren ließ ihn – bei aller Motorrad-Faszination – nie los. In einer seiner letzten Nachrichten bot er mir an, in seinem riesigen Lager passende Teile für mein 40 Jahre altes Rennrad zu suchen, um dann gemeinsam auf’s Stilfserjoch zu radeln. Sein unbändiger Wille hätte ihn hochgetrieben, ich bin mir sicher.

Ich werde an der Felswand nach dem „Weißen Knott“ nicht mehr vorbeifahren können, ohne an Alex zu denken: er war ein großartiger, liebenswerter Mensch – sein Tod ist ein großer Verlust.

Ride in Peace,
 Alex!

Mach's gut, Alex!
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7 Kommentare zu „Erinnerungen an Alex Hill“

  1. Oh Mann

    Hab’s heute erfahren, kannte Alex seit 1997 noch vor seinen Motorrädern, unsere gemeinsame Zeit bei Colt, Alex war echt bereichernd

    Arnd

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  2. Ja, das war er – ein super Typ!
    Zuletzt traf ich ihn auf dem Feldberg mit seiner betagten XJR – und ja, sie hatte die 200tkm bereits geknackt. Stolz erzählte er mir von seinem großen Teilefundus für die XJR und das er sie vielleicht mal wieder optisch frisch machen sollte.
    Wir quatschten noch eine Weile, dann stieg er auf die XJR und sagte: Machs gut, wir sehen uns bestimmt demnächst mal im Büro!
    Tja – das ist jetzt schon über 2 Jahre her – gesehen haben wir uns bedingt durch Corona leider nicht mehr…
    Machs gut Alex, werde das quietschen deiner Motorradstiefel im Büro vermissen!
    RIP

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  3. Furchtbar, das zu hören. Wir kannten uns nur vom MOF, fuhren aber dasselbe Moped und haben uns oft ausgetauscht.
    @lex, gib Gaaas! Irgendwann rennen wir zusammen!

    K.K.

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  4. Hallo Jürgen,
    ja, ein würdiger Nachruf auf @lex! Motorrad- und Fahrradfahren waren einige seiner (nicht ungefährlichen) Leidenschaften. Erlegen ist er einem tückischeren Gegner. Er wird immer einer bleiben, an den ich mich gerne erinnern werde!
    Gruß, Jo

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  5. Auch wenn ich mich gerade wieder an die Rückfahrt aus Chambley mit zerwemsten Schlüsselbein erinnern muss , als mich mein Kumpel der wohl Alex Geistesbruder war heim gebracht hat 🙂 denke ich das man Erinnerungen kaum schöner zusammenfassen kann als Du es gemacht hast.
    Ich kannte Alex leider nicht, aber er war definitiv aus dem richtigen Holz geschnitzt.
    Mach es gut wo immer du bist und drehe weiter deine Runden auf der Haga
    RIP

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  6. Danke für diese wunderbaren Worte – ja, er war ein wahnsinniger und bleibt für ewig in unseren Erinnerungen <3

    Rest in Peace Alex, gib Gas da oben!
    Wenn auch nicht im Blute, dennoch im Herzen:
    Deine Tochter Janina ❤️

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